Er ist die Schlüsselfigur der Eurorettung: Jeroen Dijsselbloem. An der Spitze der Eurogruppe hat sich der einstige Verlegenheitskandidat in den ersten zwei Monaten Respekt erarbeitet. Doch nun ist der niederländische Finanzminister unter Beschuss geraten.

War Jeroen Dijsselbloem einfach nur ungeschickt oder wollte er die Finanzmärkte testen? Mitten in der Rettungsaktion für das pleitebedrohte Zypern sorgt der neue Eurogruppenchef für Verwirrung. Das Zypern-Programm - das Grosskunden und Gläubiger zur Bankenrettung heranzieht - tauge zum Modell für den Euro-Raum, zitierte ihn die «Financial Times».

Sofort machten Spekulationen über eine Kehrtwende in der Strategie der Euroretter die Runde: Weg von Belastungen der Steuerzahler, hin zum Grosskunden und Gläubiger.

Doch es ist eher wahrscheinlich, dass Dijsselbloem als Neuling auf dem internationalen Parkett der Geldpolitik die Sprachcodes noch nicht beherrscht. Jede unbedachte Äusserung kann die Finanzmärkte bewegen. Der Minister winkt ab: «Die Finanzmärkte sind weniger nervös, als wir denken.»

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Böse Kommentare

In Brüssel machten gleich böse Kommentare vom «überforderten Herrn Dijsselbloem» die Runde. Er unterschätze das hochexplosive Thema. Der 46-Jährige, der erst seit Ende Januar nebenamtlich das Gremium der Euro-Finanzminister leitet, ruderte in einer Erklärung zurück.

Es war nicht sein erster Patzer. Beim ersten Anlauf zur Zypern-Rettung vor eineinhalb Wochen hatte die Eurogruppe unter seinem Vorsitz beschlossen, Kleinsparer mit Guthaben bis 100'000 Euro heranzuziehen. Dies gilt inzwischen als schwerer Fehler, der das Vertrauen in die europäische Politik nachhaltig erschütterte.

Der Sozialdemokrat übernahm im Europaparlament die Verantwortung dafür: «Es war eine gemeinsame Entscheidung. Wenn irgendjemand die Verantwortung übernimmt, dann bin ich es.»

Nachfolger Junckers

Nun rächt sich aus Sicht von Diplomaten, dass Dijsselbloem nicht erste Wahl für den Posten war, sondern ein Verlegenheitskandidat. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Jean-Claude Juncker fehlt ihm internationale Erfahrung. Der Premier von Luxemburg war ein Vollblutpolitiker und gewiefter Taktiker.

Dijsselbloem kann als studierter Agrarökonom Erfahrung in Landwirtschaft und Bildungspolitik aufweisen, ist aber erst seit November 2012 der Finanzminister der Niederlande.

Er gilt als Senkrechtstarter und Managertyp. «Das wird harte Arbeit», sagte der zweifache Vater zu seinem neuen Posten. Diplomaten berichten, dass er die Sitzungen sehr gut vorbereitet und Diskussionen zielorientiert führt - Ergebnisse würden in kürzerer Zeit erzielt als bei seinem Vorgänger.

Dijsselbloem ist gelassen

Trotz seiner Fehler gibt sich Dijsselbloem gelassen. Angesprochen auf Rücktrittsforderungen sagte er im niederländischen Fernsehen mit stoischer Ruhe: «Gerade wenn es Kritik gibt, muss man als Vorsitzender da sein. Nicht die Hände reinwaschen. Ich fühle mich nicht beschädigt, im Gegenteil, es hat mich gestärkt.»

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Allerdings sei der Job auch sehr fordernd. Auf eine Frage in der Nacht, ob er nicht müde sei, sagte Dijsselbloem, der am Freitag 47 Jahre alt wird: «Im Gegenteil. Ich glaube, dass ist das Adrenalin. Aber wenn das wegsackt, dann kippe ich wahrscheinlich um.»

(chb/sda)