In den letzten Wochen machte der Wirtschaftsminister den Eindruck, er sei nur noch halb da. Seine Reden waren noch schläfriger als sonst. Seine Pausen zwischen den Sätzen noch länger. Und in wichtigen Sitzungen soll er immer wieder eingenickt sein. Der «Schneider Hannes» schien abgekämpft, abwesend, gezeichnet. Der Eindruck, dass dieser Mann nicht mehr dem Amt des Bundesrats gewachsen ist, verfestigte sich.
 
Dass Schneider-Ammann nicht über das Rüstzeug verfügt, um als Bundesrat zu bestehen, verfolgt ihn seit seinem Amtsantritt. Zu schwerfällig sei sein Auftritt, zu umständlich seine Sprache, hiess es stets. Überdies fehle es ihm an Gespür, an Instinkt und an Rafinesse im politischen Spiel. Nach seiner verunglückten Ansprache zum «Tag der Kranken» war für viele klar: Da hatte sich offensichtlich ein «Elder Patron» in die Politik verirrt.
 
Doch die ungelenken und hölzernen Auftritte des Wirtschaftsministers täuschen darüber hinweg, dass sich die Bilanz des früheren Patrons eines Baumaschinenherstellers sehen lassen kann. Schneider-Amman forcierte wie kein anderes Regierungsmitglied die Digitalisierung, bot den Bauern die Stirn und kämpfte mit Einsatz für die Schweizer Wirtschaft.

Erfolgreicher Krisenminister

Als Schneider-Ammann 2010 sein Amt übernahm, herrschte Rezession, die Arbeitslosigkeit stieg und der Schweizer Franken wurde immer stärker. Der FDP-Minister widerstand nach einem anfänglichen Ausrutscher der Versuchung, milliardenschwere Konjunkturprogramme zu schnüren und verzichtete auf unnötige staatliche Interventionen. Stattdessen setzte er auf Kurzarbeit, stärkte die Exportförderung und engagierte sich für den Freihandel. Er tat damit das Richtige: Die Schweiz kam weitgehend unbeschadet aus der Krise heraus. Das ist auch sein Verdienst.
 
Statt die Wirtschaft mit der Gieskanne in der Heimat zu päppeln, reiste Schneider-Ammann pausenlos um den Globus, um für die Exportindustrie um mehr Freihandel zu weibeln. Die Verhandlungen verliefen in vielen Ländern zäh, der Durchbruch liess auf sich warten. Doch dabei zeigte sich: Schneider-Ammann kann gut zuhören – und damit auch gut verhandeln. Das Freihandelsabkommen mit China kann er deshalb als persönlichen Erfolg verbuchen. Mit weiteren Ländern sind Verträge aufgegleist, etwa mit den Mercosur-Staaten.

Zugleich zeigte sich ehemalige Unternehmer lernfähig. Zu Beginn seiner Amtszeit blamierte er sich mit dürftigen Kenntnissen in der Agrarpolitik. Zwei Jahre später brachte er seine Vorlage durch, mit der die Landwirtschaft ökologischer ausgerichtet wurde – trotz erbittertem Widerstand der Bauern.

Die Politik des runden Tisches

Schneider-Ammann zelebrierte stets die Politik des runden Tisches. Gab es ein Problem, führte er jeweils alle involvierten Interessengruppen zusammen. Gemeinsam sollten dabei Lösungen entwickelt werden. Häufig brachten die Gespräche wenig. Weil er den Gewerkschaften und Arbeitgebern aber zuhörte, setzte er etwa das System der flankierenden Massnahmen durch, das funktioniert.

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Wer allerdings nicht mitmachte und seine Einladungen nicht annahm, bekam den Furor des Wirtschaftsministers zu spüren. Als Bauernverbandspräsident Markus Ritter jüngst seine Teilnahme am Agrargipfel verweigerte, blieb Schneider-Ammann hart – und wich kein Jota von seiner Haltung ab. Seinen Kompass in wirtschaftspolitischen Fragen verlor er nie.

Beim Berner dauerte es oft ein bisschen länger, bis er zu einem Schluss kam. Doch in der Politik ist es nicht verboten, nachzudenken und erst dann eine Lösung zu präsentieren. Das zeigt sich auch im Entscheid zum Rücktritt: Lange Zeit blieb Schneider-Ammann still, als die Abgangsforderungen immer lauter wurden. Dass er jetzt geht, spricht für ihn.