Gehen Sie nach Mitternacht tanzen?
Johanna GapanyDas kommt vor (lacht).

Offenbar haben Sie sich über den Bundesrat genervt. In einem Vorstoss fragen Sie rhetorisch: «Verbreitet sich das Corona-Virus nach Mitternacht stärker?» Warum?
Weil im Mai Restaurants, Bars und Clubs um Mitternacht schliessen mussten, während der öffentliche Verkehr und Casinos keine Einschränkung hatten. Ich finde, der Staat muss kohärent in seinen Anordnungen sein. Er darf nicht den einen etwas verbieten, was er den anderen erlaubt, solange die Ansteckungsgefahr vergleichbar ist. Er hätte die Bars nach Mitternacht offen lassen können. 

Was zeigt Ihnen der Zürcher Fall im Club Flamingo, wo sich Corona nach Mitternacht verbreitete?
Haben sich die Leute dort vor oder nach Mitternacht angesteckt? Die Stunde ist kaum ein Kriterium für die Verbreitung, sondern die Sorglosigkeit einzelner Leute und Anbieter, die ein effektives Tracing der Angesteckten verhindern.

Und Freiburg, wo Sie herkommen?
Wir hatten wenige Ansteckungsfälle, im Vergleich zu anderen Regionen.

Deutschschweizer kritisierten die Härte des Lockdowns, die Romands wollten mehr. Wo stehen Sie?
Wir Westschweizer hatten keine Mühe, den Staatseingriff zu akzeptieren.

Sind Romands obrigkeitsgläubig?
Nein, Deutschschweizer schätzen Selbstverantwortung, während Romands sich in der Krise eher dem Staat anvertrauen.

Verlangen Romands mehr Geld vom Staat als Deutschschweizer?
Durchaus. Deutschschweizer versuchen sich schneller aus der Krise freizustrampeln und die finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen. Die Gegensätze prägen unser Land, sind aber per se kein Problem, sondern ein Reichtum.

Und Sie sind was mehr – Deutsch- oder Westschweizerin?
Eine meiner Grossmütter war Deutschschweizerin. Sie hat mir ein gutes Stück ihrer DNS vererbt.

Junge Bürgerliche

Johanna Gapany (FDP) ist die jüngste Ständerätin der Schweiz. Die 32-jährige Betriebswirtschafterin ist verheiratet und Präsidentin der Seilbahnen Freiburger Alpen. Bis 2016 war sie Vizepräsidentin der Jungfreisinnigen. Vor ihrer Wahl in die kleine Kammer arbeitete Gapany als Projektleiterin im Daler-Spital (FR) und war Grossrätin im Kanton Freiburg sowie Stadträtin in Bulle.

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Sie sind in der Finanzkommission des Ständerates. Wie teuer wird uns Covid-19 zu stehen kommen?
Derzeit haben wir rund 32 Milliarden Franken an Kreditrahmen bewilligt.

Wie ich höre, rechnet man derzeit mit nur 20 bis 25 Milliarden Franken Ausgaben.
Ja. Aber klar ist noch nichts. Vor allem die Ausgaben für die Arbeitslosenversicherung und für die Covid-Erwerbsersatzordnung könnten bis Ende Jahr deutlich tiefer werden, als wir bewilligt haben. Umso besser, wenn es günstiger wird. Unklar ist auch, ob es zu Verlusten aus den Covid-19--Kreditbürgschaften des Bundes kommt. Ein Teil wird wohl nicht zurückbezahlt werden.

Diese Ausgaben werden die Schulden von Morgen sein – für Ihre Generation.
So ist es. Wir müssen mit weiteren Ausgaben sehr zurückhaltend sein. Umgekehrt: Wir waren, was die aktuellen Schulden betrifft, in einer komfortablen Situation. Das rechtfertigt es, dass der Staat mittels Kurzarbeitsentschädigungen den Erhalt von Arbeitsplätzen stützt.

Hören Sie eine ausführliche Analyse zum Thema im Podcast «HZ Insights»

Sie präsidieren die Freiburger Bergbahnen. Ihre Leute waren im April und Mai in Kurzarbeit. Zahlen Sie Dividenden?
Nein.

Ist es legitim, dass Firmen, die vom Staat Kurzarbeitsentschädigungen erhalten, gleichzeitig Dividenden auszahlen?
Diese Entschädigungen stammen aus der Arbeitslosenversicherung und werden paritätisch von Arbeitgebern und -nehmern finanziert. Das Kurzarbeitsregime wurde ja nicht extra wegen Covid-19 erfunden. Die Firmen haben Anspruch darauf nach den geltenden Regeln.

Nur: Derzeit zahlt der Staat 20 Milliarden in die Arbeitslosenkasse, um diese Entschädigungen zu finanzieren. Das ändert die Regeln.
Ja, aber nur jetzt und ausnahmsweise.

Ihre Partei, die FDP, predigt die unternehmerische Selbstverantwortung. Dies gilt auch für das Betriebsrisiko. Doch jetzt delegieren Firmen dieses Risiko an die Arbeitslosenversicherung und zahlen sich Gewinne aus. Ist diese Position kohärent?
Ihre Sicht stimmt, sofern eine Firma schlecht geführt worden ist. Doch bei Corona hat der Staat eingegriffen. Der Einbruch war kein unternehmerischer Fehler. Deshalb ist es nur fair, wenn der Staat seinen Teil zur Genesung beiträgt. Jedem Firmenpatron soll es überlassen sein, zu entscheiden, ob er Dividenden ausschüttet.

Es gibt etliche Umweltorganisationen, die Zusatzforderungen an solche Ausbauten stellen, doch das ist okay.

Als 32-Jährige haben Sie das Leben noch vor sich, sie könnten reisen und die Welt erobern. Doch jetzt haben Sie dieses Präsidium übernommen. Warum?
Die Berge sind meine Leidenschaft (lacht). Für mich war klar, dass ich eine Funktion annehme, die mit den Bergen zu tun hat. Bahnen sind ein Symbol von Freiheit. Zudem: Freiburg hat enorm viel Charme im Freizeitsektor, den es besser auszuspielen gilt, etwa so, wie es das Wallis tut.

Doch Sie sind Politikerin. Erwarten die Bergbahnen nicht, dass Sie mehr Staatssubventionen nach Hause bringen?
Nein, sie erwarten Lösungen! Etwa in der Raumplanung. Beispielsweise will die Bergbahn in Charmey eine Mountainbike--Abfahrt bauen. Bis die Bewilligung erteilt wird, vergeht viel Zeit. Nur schon für den Ausbau der Bergbahn vergingen Jahre, bis die Bewilligung eintraf. Hier erwartet man von mir, dass ich politische Hindernisse überwinde.

Die Grünen opponierten?
Nicht nur. Es gibt etliche Umweltorganisationen, die Zusatzforderungen an solche Ausbauten stellen, doch das ist okay. Ich erlebte die Debatte als sehr vernünftig.

Das heisst?
Dass ein solcher Eingriff in die Natur erst nach sorgfältiger Abwägung der Vor- und Nachteile bewilligt werden darf. Der grösste Wunsch der Bergbewohner ist es, die Unterländer in ihre Region zu locken. Nicht nur die Wirtschaft wünscht sich den Ausbau, es gibt ein öffentliches Interesse daran, die Voralpen zu erschliessen.

Ihre Bergbahnen sind aber keine NGO.
Natürlich nicht. Doch hier sind wir weder Verbier noch Zermatt. Unser Tourismus ist kein Massentourismus. Wir wünschen uns eine dauerhafte Entwicklung.

Mit den vorgeschlagenen CO₂-Abgaben werden wir die Welt nicht retten.

Die FDP hat dank Präsidentin Petra Gössi letzten Herbst eine grüne Fassade erhalten. Die FDP-Abgeordneten stimmten für viele Staatseingriffe, darunter die CO₂-Flugticketabgabe, steigende CO₂-Abgaben und viel mehr Subventionen. Und Sie?
Die CO₂-Gesetzesreform bringt etliche Mehrkosten für Bürger und Unternehmen. Gleichzeitig hat die Covid-19-Krise die Ausgangslage wesentlich verändert. Jetzt müssen sich alle Branchen nochmals überlegen, inwieweit solche höheren Abgaben für sie wirtschaftlich tragbar sind und ob Jobverluste drohen. Wir sollten jetzt diese Zwischenbilanz ziehen.

Braucht es einen Boxenstopp für die Klimavorlage?
Die Schweiz wird die internationalen Verpflichtungen zur Reduktion der Klimagase so oder so einhalten. Wir werden durch technische Verbesserungen weniger Gase ausstossen. Wir sollten uns auch keine Illusionen machen: Mit den vorgeschlagenen CO₂-Abgaben werden wir die Welt nicht retten, denn unser Anteil ist ein Tausendstel des globalen CO₂-Ausstosses.

Sie sind skeptisch gegenüber den Klimaabgaben …
Die Flugticketabgabe berührt mich weniger. Aber überall, wo der Treibstoff mittels CO₂-Abgaben stark verteuert wird, da bin ich sehr skeptisch. Im Nationalrat war gross die Rede von Elektroautos. Doch fragen Sie mal die Leute auf der Strasse, was sie davon halten. Sie werden sagen: «Noch so gerne ein E-Auto, aber solche Fahrzeuge sind für uns viel zu teuer.» Auch fehlen flächendeckend E-Tankstellen. Wir müssen auch Lösungen vorschlagen, nicht nur neue Steuern.

Johanna Gapany, FDP-Ständerätin Fribourg, Präs. Freiburger Berbbahnen.

FDP-Präsidentin zu werden, schliesst Johanna Gapany nicht aus. 

Quelle: Pierre-Yves Massot / 13 Photo

Sie wurden im Juli 32. Jetzt dauerts noch sechs Jahre, bis Sie Parteipräsidentin werden. Korrekt?
(lacht) Im Ernst?

So alt war ihr Nachbar Christian Levrat, als er Parteipräsident wurde, wenn auch von der «anderen Partei», der SP. Levrat und Sie vertreten Freiburg im Ständerat.
Okay. Ich mag solche Funktionen sehr. Man lernt viel und man bewegt viel. Ich war bereits Präsidentin der kantonalen Jungliberalen und Vizepräsidentin der nationalen Jungfreisinnigen. Wer weiss, wo ich in ein paar Jahren stehe. Frau Gössi macht einen guten Job.

Eines Tages könnte es heissen: FDP-Präsidentin Johanna Gapany!
Dies schliesse ich nicht aus. Eine solche Aufgabe würde ich aus heutiger Sicht schätzen.

Sie sind eine Überfliegerin. Mit 31 im Ständerat, wo der Durchschnitt über 50 liegt. Verlief ihr Karriere nicht zu schnell?
Man sucht sich das nicht selber aus.

Da reden Sie schon fast wie Christoph Blocher: «Die Pflicht ruft!» 
(lacht) Nein, natürlich bin ich freiwillig im Ständerat. Ich hatte im Herbst richtig Lust auf die Wahlkampagne, die dann zu meiner Wahl führte. Während dieser Zeit stand ich auf vielen Bühnen mit Kontrahenten vom Format Levrats. Das war richtig lehrreich.

Sie sind schon lange dabei?
Seit 15 Jahren mache ich Politik. Ich führte Wahlkampf in der Gemeinde, zuerst wurde ich in die Legislative, später in die Exekutive gewählt. Auch war ich Wahlkampfleiterin der Jungliberalen und wurde in den Kantonsrat gewählt. Jetzt bin ich im Ständerat …

Die Ochsentour also ...
Genau. Jede Etappe war sehr lehrreich.

Spüren Sie Neid von Parteifreunden, die sagen, der Gapany hätte es gutgetan, zuerst über den Nationalrat zu gehen?
Es gibt etliche Ständeräte, die nicht zuerst im Nationalrat waren. Etliche waren zuerst Regierungsräte in ihren Kantonen. Das Volk wählt unseren Parcours, wir tun dies nicht selber. Als eine junge Politikerin hat man den Vorteil, flexibel zu sein und Energie zu haben. Heutzutage braucht es viel Kraft, Ständerätin zu werden.

Politikerbusiness

Arbeitstage: Für das Ständeratsmandat arbeitet Johanna Gapany 35 bis 40 Stunden pro Woche. Als Vizepräsidentin der Finanzkommission, Mitglied der Sozial- und Gesundheitskommission sowie der Wissenschafts-, Bildungs- und Kulturkommission leistet sie rund 50 Arbeitstage pro Jahr. Hinzu kommen vier dreiwöchige Ratssessionen. Dafür erhält sie 440 Franken Sitzungsgeld pro Tag sowie 26000 Franken für Vorbereitungen und 33'000 Franken Spesenentschädigung. Laut einer Studie kommt ein Ständerat auf 92'000 Franken Einkommen. 

Salär: Für ihr Präsidium bei den Freiburger Seilbahnen erhält Gapany 3000 Franken pro Jahr. Kein Vergleich zu gewissen Ständeräten, die für private Mandate von Firmen Hunderttausende Franken jährlich kassieren.

Was hat ihre Wahlkampagne gekostet?
In der ersten Wahlrunde 50'000 Franken. 20'000 Franken kamen von der Partei, 30'000 habe ich mithilfe von Sympathisanten aufgetrieben und war erstaunt, wie einfach es war, solange man innovativ ist.

So wenig?
Ja. Die zweite Wahlrunde kostete dann nochmals 50'000 Franken. Sie wurde ganz von der FDP finanziert.

Auf welchen sozialen Medien waren Sie?
Vor allem auf Facebook und Instagram. Auch liefen Videos von mir in Bussen und Trams. Alles Digitale lief gut und war günstig. Und schliesslich: Jeden Abend, jedes Weekend auf Tour zu sein, sozusagen von Tür zu Tür gehen, die Hände schütteln und die Leute für sich gewinnen. Dies war entscheidend.

Was posteten Sie auf Facebook?
Zuerst mein Profil, dann präsentierte ich mein politisches Programm und schliesslich versuchte ich mit Statements zu überzeugen. Dahinter stand eine Strategie.

Zwar ist es politisch nicht ganz korrekt, dies zu fragen. Aber trotzdem: Sie sind eine Frau, gutaussehend und jung. Hat dies Ihrer Wahl geholfen?
(lacht) Wenn Ihre These war wäre, müsste es viel mehr junge Frauen im Ständerat haben. Dies ist nicht der Fall. Ich glaube nicht, dass in der Politik Aussehen ein Erfolgskriterium ist. Die Ideen zählen.

Wirklich?
Nicht im Ständerat und auch nicht in den Regierungsratswahlen. Zum Erfolg führen langjährige Projekte, eine starke Präsenz und die Zusammenarbeit mit politischen Freunden.

Aber Instagram, das sind schöne Bilder von schönen Menschen – die reine Oberfläche.
Instagram ist sehr authentisch. Ein Bild, ein kurzer Text und ein kleines Bonjour ... Sehr direkt.

Was ist daran authentisch? Instagram ist quasi das Tinder für Politiker.
Schön gesagt. Aber nein, wenn ich Fotos von mir auf einer Bergtour poste, dann ist das nicht oberflächlich, sondern vermittelt, wer ich, Johanna Gapany, bin. Das mögen Wähler.

Wissen Sie, wer diese sind? Junge, Alte, Frauen?
Nein, eine solche Aufstellung gibt es nicht. Was ich weiss, ist, dass die Wähler einen Wechsel in der Politik wollten. Jemand Neuen.

New face, new politics.
Genau.

Johanna Gapany, FDP-Ständerätin Fribourg, Präs. Freiburger Berbbahnen.

«Instagram ist sehr authentisch.»

Quelle: Pierre-Yves Massot / 13 Photo

Jetzt aber sitzen Sie mit dem Ständerat in einem superkonservativen Gremium: Die manierierte Art zu reden, der Kleidungszwang, die fehlende Stimmtransparenz – passt das Ihnen?
Vieles wirkt ziemlich gespielt im Ständerat, das stimmt. Aber es stimmt auch, dass im Ständerat Parteigrenzen und Ideologien leichter überwunden werden als im Nationalrat. Der Wunsch, Kompromisse zu finden, ist dort ausgeprägt.

Wirklich? Die Tendenz zeigt in die andere Richtung: Nämlich, dass auch im Ständerat zunehmend der Parteigehorsam herrscht.
Nein. Es sind die Kantone, die uns ermuntern, in ihrem Interesse zu stimmen.

Das hiesse, dass der SP-Vertreter Levrat und die FDP-Vertreterin Gapany im -Ständerat gleich stimmen. Das passiert doch höchst selten.
Ja, eher selten, aber es kommt vor, wenn es für den Kanton wichtig ist. Eine Woche vor einer Session nehmen wir jeweils die Wünsche der Kantonsregierung entgegen. Wichtig zu wissen ist: Im Ständerat werden Absprachen häufig hinter den Kulissen getroffen, vor allem in den Kommis-sionen.

Sind Ueli Maurer, Alain Berset oder Guy Parmelin in geheimen Kommissionssitzungen anders, als man sie in der Öffentlichkeit wahrnimmt?
Nein. Sie sind sehr authentisch, vor und hinter den Kulissen.

Das Aushängeschild der Jungfreisinnigen ist Andri Silberschmid. Er hat sich national ein Profil geschaffen, etwa durch «Arena»--Auftritte. Sie kennt man nicht. Warum?
Ihn kennt man in seiner Sprachregion, mich in meiner. Silberschmid kennt man in der Romandie ebenso wenig, wie man mich in der Deutschschweiz kennt.

Profil erhält Silberschmid durch Opposition zur Mutterpartei. Und Sie?
Zum Beispiel die CO₂-Vorlage: Ich bin gegen die vielen neuen Abgaben. Wir sind nicht Nein-Sager, sondern Optimisten. Ein anderes Beispiel ist die BVG-Reform. Ich bin nicht einverstanden, dass die Jungen so hohe Sozialabgaben zahlen, ohne dass sie die Gewissheit erhalten, das Geld je wiederzusehen.

Rentenalter der Frauen? Soll es Unterschiede zwischen den Geschlechtern geben?
Nein. Ein einheitliches Rentenreferenzalter für beide.

Die SP sagt: Solange Frauen lohnmässig diskriminiert werden, sollen sie früher in Rente gehen. Einverstanden?
Nein. Ich verlange das gleiche Referenzalter für beide Geschlechter. Es gibt keinen triftigen Grund, dass Frauen nicht gleich lange arbeiten wie Männer. Auch sind nicht nur Frauen benachteiligt, es gibt auch Diskriminierung von Männern. Beides ist nicht zu rechtfertigen.

Die Lohndiskriminierung ist eine Realität.
Ja, von der spricht man dauernd, aber sie ist nicht einzige. Die Männer müssen ins Militär, Frauen nicht. Männer müssen länger arbeiten als Frauen. Heute gibt es mehr weibliche Hochschulabgängerinnen als männliche Hochschulabgänger. 60 Prozent dieser Frauen arbeiten dann Teilzeit, während es bei den Männern bloss 18 Prozent sind. In unserer Gesellschaft gehört es fast schon zum guten Ton, dass Frauen weniger arbeiten. Wie ist das zu rechtfertigen? Dabei sind Frauen so leistungsfähig wie Männer.

In gewissen Kreisen gehört es zum guten Ton, alles auf den Geschlechterunterschied zu schieben. Zuletzt bei Covid-19. Es hiess, die Frauen hätten unter den Folgen mehr zu leiden als Männer.
Diese ständige Gender-Deutung ist ein Unding. Ich lehne dieses Gegeneinander-Ausspielen von Männern und Frauen ab. Nur wenn wir zusammenarbeiten, kommen wir weiter.

Hatten Sie als Frau Hindernisse auf Ihrem Karriereweg?
Nein.

Frauen sagen nicht selten, dass ihnen Steine in den beruflichen Aufstieg gelegt werden. Warum wohl?
Der rechtliche Rahmen zementiert manchmal die Ungleichbehandlung von Mann und Frau, so beispielsweise der Mutterschaftsurlaub. Frauen gebären und erheben dann oft den Anspruch, länger arbeitsfrei zu nehmen oder Teilzeit zu arbeiten, um sich hauptsächlich der Kinderpflege zu widmen, während ihr Partner arbeiten. Was dann folgt, ist bedauerlich: Männer flüchten sich in die Arbeit und suchen den Aufstieg. Bei den Frauen beobachte ich zwei Trends: Entweder ziehen sie sich zurück ins Private als Mütter – und kapitulieren beruflich. Oder sie machen Karriere und verzichten auf Kinder und Familie. Beides führt zu erheblicher Frustration. Jetzt ist es Zeit, eine bessere Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben zu fördern, damit auch Männer Platz im Familienleben haben.

SP-Jungpolitikern Mattea Meyer sagt, es sei ungerecht, dass doppelverdienende Paare mit Kindern so viel für die externe Kinderbetreuung zahlen.
Also sollte die SP konsequent für höhere Kinderabzüge sein. Doch diese bekämpft sie jetzt mit einem Referendum. Ich bin für höhere Abzüge.

Johanna Gapany, FDP-Ständerätin Fribourg, Präs. Freiburger Berbbahnen.

«Junge reisen, haben wenig Geld und studieren. Bei diesen Themen muss man sie abholen.»

Quelle: Pierre-Yves Massot / 13 Photo

Ihre Generation, so scheint es, interessiert sich wenig für die Politik. Wahr?
Nein, das finde ich nicht. Zwar stimmt es, dass Junge weniger an die Urne gehen als ältere Mitbürger. Sie lesen auch weniger politische Inhalte. Aber sie sind doch stark an der Entwicklung der Gesellschaft interessiert. Ich setze grosse Hoffnungen auf meine Generation.

Junge Linke sind aktiv, aber junge Bürgerliche eher nicht, oder?
Die Politik wird jünger und weiblicher. Es geht also vorwärts, auch bei bürgerlich geprägten Jungen. Man muss wissen, wie sie ansprechen. Ein Beispiel: Als ich Grossrätin war, lancierte ich eine Motion zur Verlängerung der Öffnungszeit von Diskotheken auf 6 Uhr morgens.

Dank Ihnen?
Dank dem Grossrat, der die Motion angenommen hat. So schafft man es, Junge für die Politik zu motivieren. Ein weiteres Beispiel war, als in Freiburg die Happy Hour hätte verboten werden sollen. Da lancierten wir Jungfreisinnige eine Kampagne dagegen und gewannen etliche Neumitglieder. Klar ist auch, dass man mit Themen wie Altersvorsorge und Familiengleichberechtigung die Jungen nicht hinter dem Ofen hervorholt. Junge reisen, haben wenig Geld und studieren. Bei diesen Themen muss man sie abholen.

Junge hocken lieber täglich stundenlang am Handy.
Auch Ältere haben viel Bildschirmzeit.

Und exzessiver Konsumismus? Sie repräsentieren die Generation Easyjet
Wir sind alle Konsumenten. Die Rentner sind auch grosse Konsumenten, nicht nur die junge Generation. Und sie haben die grösste Kaufkraft.

Auch sind die Jungen die Generation Take-away. Diese Unmengen von Abfall …
Einverstanden. Ich finde die Wegwerfkultur vieler Produkte schlecht. Aber sie betrifft auch die älteren Generationen. Wir müssen alle unser Verhalten ändern und nicht nur die jungen Menschen beschuldigen.

Fördern Junge den Foodwaste?
Sie werfen nicht mehr weg als ältere Generationen. Aber ein Punkt stimmt: Etliche Junge haben das Gefühl dafür verloren, dass Ressourcen endlich sind.

Womit wird Frau Gapany national Schlagzeilen machen?
Ich will mich für die Individualbesteuerung von Paaren stark machen. Dann auch noch die Förderung moderner Technologie, beispielsweise Smart Farming für Bauern.

Sie sind an Bauernthemen interessiert?
Ich bin eine Bauerstochter!

Da stimmen Sie im Parlament wohl immer für Bauernsubventionen.
Nein, nicht immer. Bauern sind in den letzten Jahren in einen Käfig gesperrt worden, wo der Staat ihnen sagt, wo es langgeht. Ich aber sehe Bauern als Kleinunternehmer. Als solche sind sie sehr unterschiedlich. Ich setze mich dafür ein, dass sie einen grösseren regulatorischen Spielraum erhalten. Dann werden Bauern erfolgreich – und brauchen weniger Subventionen.

Braucht die Schweiz mehr Freihandelsabkommen? Die Bauern blockieren diese.
Die Bedingungen des Auslands und der Schweizer Bauern sind sehr unterschiedlich. Auch sind die Anforderungen an die Qualität der Produkte sehr unterschiedlich. Deshalb ist es richtig, den Konsum von Schweizer Produkten zu fördern. Nur dann haben sie auch Chancen im Ausland dank der Freihandelsabkommen. Schauen Sie sich das Erfolgsbeispiel des Greyerzers im Ausland an.

Wo brennt es den Bauern am meisten unter den Nägeln?
Sie ärgern sich über die staatlich aufgepfropfte Bürokratie, die ganzen Formulare, die sie laufend ausfüllen müssen. Solche unproduktive Arbeit verhindert, dass sie mehr auf dem Feld und am Marketing ihrer Produkte arbeiten.