Die noch jungen diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und Kuba erleben einen weiteren Meilenstein: Am Freitag reist US-Aussenminister John Kerry nach Havanna, wo er nach 54 Jahren wieder eine US-Botschaft eröffnet. Kerry ist zudem der erste US-Chefdiplomat, der Kuba seit 1945 besucht.

Das ist das definitive Ende eines Kapitels in der Schweizer Geschichte. Über ein halbes Jahrhundert lang hat die Schweiz in Havanna die Interessen der USA vertreten. Die Übernahme des Schutzmachtmandats zwei Jahre nach der kubanischen Revolution dauerte insgesamt 54 Jahre. Dabei mussten schwierige Klippen umschifft werden.

1959: Fidel kommt an die Macht

In Kuba hatte am 1. Januar 1959 der sozialistische Revolutionär Fidel Castro die Macht übernommen und den von den USA unterstützten Diktator Fulgencio Batista vertrieben. Im Januar 1961 brachen die beiden Staaten die diplomatischen Beziehungen ab.

Am 6. Januar 1961 übernahm die Schweiz entsprechend ihrer Tradition der Guten Dienste die Interessenwahrung der USA in Havanna. Ab April 1991 vertrat die Schweiz zudem die kubanischen Interessen in den USA. Diese wurden bis dahin von der damaligen Tschechoslowakei vertreten. Am 20. Juli, mit der Eröffnung einer kubanischen Botschaft in den USA, erlöschte das Mandat.

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Explosive Situationen und hilfreiche Angebote

Die Schweiz versuchte als Schutzmacht ein unerlässliches Mass an Kontakten zwischen den zwei Staaten aufrecht zu erhalten. Das Mandat hatte grundsätzlich zwei Aspekte: Zum einen kümmerte sich die Schweizer Botschaft um konsularische Belange. Sie nahm beispielsweise Passgesuche entgegen, legalisierte Geburts- und Trauungsurkunden oder betreute Gefangene.

Zum andern stellte die Schweiz einen vertraulichen diplomatischen Kommunikationskanal zwischen den betroffenen Staaten zur Verfügung. Dadurch förderte sie den Dialog zwischen den beiden Regierungen trotz fehlender Beziehungen.

Heikle Klippen

Nicht immer war die Aufgabe der Schweiz einfach. Heikle Klippen musste die Schutzmacht während der Kubakrise 1962 umschiffen. Der Kalte Krieg erreichte mit der Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba einen Höhepunkt und brachte die Welt an den Rand eines Atomkrieges.

In dieser Zeit wirkten die Schweizer Diplomaten als Vermittler und versuchten Fehlwahrnehmungen auf beiden Seiten zu korrigieren, wie der Schweizer Botschafter in Washington, Martin Dahinden, Mitte Juli erklärte. 1977 half die Schweiz den beiden Staaten in ihren Botschaften sogenannte «Interessen-Abteilungen» zu etablieren, wo amerikanische Diplomaten in Havanna und kubanische Kollegen in Washington arbeiten konnten. Seitdem hatte das Mandat keine grosse inhaltliche Bedeutung mehr.

Lange Tradition

Die Interessenvertretungen durch die Schweiz haben eine lange Tradition und sind ein wichtiger Bestandteil der Schweizer Aussenpolitik. Erste Erfahrungen machte die Schweiz während des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870/71, als sie die Interessen des Königreichs Bayern und des Grossherzogtums Baden in Frankreich wahrnahm. Im Zweiten Weltkrieg erreichten die Schweizer Schutzmachtmandate mit Vertretungen von 35 Staaten zahlenmässig ihren Höhepunkt.

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Heute übernimmt die Schweiz noch vier Schutzmachtmandate: für die USA im Iran, für den Iran in Ägypten, für Russland in Georgien und für Georgien in Russland. Einzig die Interessenvertretung der USA im Iran basiert auf einem umfassenden Mandat. Die übrigen Mandate sind eher formeller Natur.

(sda/ise)