Zusammen mit der Anhörung zum schon wieder geänderten Preismodell für Medikamente hat der Gesundheitsminister die Einführung eines sogenannten Referenzpreissystems (auch Festbetragssystems) angekündigt. Er nimmt damit eine Idee auf, die bereits seit einiger Zeit vom Preisüberwacher kolportiert wird.

Sie sieht vor, dass die Kranken im Rahmen der Vergütung von patentfreien Medikamenten nur noch einen bestimmten Fixpreis zurückerstattet erhalten und dann die Differenz zum effektiven Preis des bevorzugten Arzneimittels selber bezahlen müssen. M. Prix berechnet mögliche Einsparpotenziale unter der Annahme, dass jeweils nur der Preis des günstigsten Produktes übernommen wird, er geht also vom Billigstprinzip aus.

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Mehr als nur ein Pulver

Das Konzept nimmt an, dass alle Medikamente mit dem gleichen Wirkstoff automatisch zum gleichen therapeutischen Erfolg führen. Dies stimmt natürlich nicht. Ein Medikament ist viel mehr als nur ein Pulver. Ebenso wichtig für den Behandlungserfolg sind die patientengerechte Darreichungsform, verwechslungssichere Verpackungen, ein vollständiges Angebot aller Dosierungen und Packungsgrössen sowie weiterführende Serviceleistungen zur Emanzipation der Patienten und damit auch für die Sicherung der Therapietreue.

Was man dem Patienten in die Hand gibt, ist nämlich noch lange nicht in seinem Magen, und wirklich teuer sind nicht unsere Generika, sondern Tabletten, die in den Kübel wandern.Wenn das Vertrauen in ein aufoktroyiertes billiges Medikament fehlt, dann resultieren Therapieabbrüche, aber auch Verwechslungen und dadurch fehlende Wirkungen bzw. Nebenwirkungen. Dies wiederum führt zu vermehrten Arztkonsultationen oder gar Hospitalisationen. Wie Studien aus Deutschland zeigen, sind die vermeintlichen Einsparungen so schnell wieder aufgefressen.

Kein Grund für Systemwechsel

Letztlich sind Festbeträge deshalb nicht nur für die Patienten eine Zumutung, sondern auch für die Versicherer ein Pyrrhussieg. Es gibt keinen Grund, das bestehende System schon wieder auf den Kopf zu stellen, umso mehr als die Medikamentenkosten in den letzten Jahren praktisch stabil geblieben sind.

Der differenzierte Selbstbehalt, der erst 2012 eingeführt worden ist, verdient die Chance, sich zu bewähren. Erste Daten zeigen, dass er zu einem verstärkten Preiswettbewerb mit erheblichen Kosteneinsparungen für die soziale Krankenversicherung führt. Der Patient wird zwar auch hier in die Pflicht genommen, allerdings in einer sozial zumutbaren und abgefederten Form über eine moderate Erhöhung des Selbstbehaltes. Warum also schon wieder ein Systemwechsel?

Festbeträge sind unsozial

Festbeträge sind unsozial und schränken de facto die Wahlfreiheit der Patienten ein. Man bekommt ohne (allenfalls prohibitive) Zuzahlung nicht mehr das Medikament, das man kennt und dem man vertraut. So erzwungene Wechsel führen erfahrungsgemäss zu unerwünschten Wirkungen, einer verschlechterten Therapietreue.

Zudem hemmen Festbeträge die Innovation und beeinträchtigen die Versorgungsqualität. Niemand wäre so noch an der Entwicklung einer patientenfreundlicheren oder sichereren Darreichungsform interessiert. Die Entwicklungskosten würden sich nicht mehr lohnen, weil der Preis nur den Wirkstoff berücksichtigt und nicht die Galenik oder Verpackung.

Langfristige Nachteile

Die Anbieter könnten sich auch nicht mehr über Qualität und Service gegenüber der Konkurrenz differenzieren, weil dieser Mehrwert bei einem Festbetragssystem in der Regel nicht bezahlt würde. Der aktuelle Preis-Leistungs-Wettbewerb würde durch einen reinen Preiskampf ersetzt, was sicher nicht im Sinne einer sicheren und qualitativ hochstehenden Versorgung wäre.

Die durch Festbeträge bewirkte Einschränkung der Wahlfreiheit brächte langfristige Nachteile für alle Beteiligten – vor allem aber für die Patienten. Wem es damit ernst ist, dass die Patienten persönlich und individuell behandelt werden, der kann nicht wirklich ein Versorgungssystem unterstützen, das de facto die Wahlfreiheit aushebelt.

Wer wie wir der Meinung ist, dass wir keine Einheitsversicherten sind und keine Einheitspatienten werden wollen, der muss sich für die Wahlfreiheit bei der medikamentösen Behandlung einsetzen und alle Massnahmen zu deren Einschränkung, also insbesondere Festbeträge und Rabattverträge ablehnen.

Gastkommentar von Peter Huber, Geschäftsführer Intergenerika. Kommentare müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.