Im erbitterten Machtkampf zwischen der ukrainischen Regierung und der pro-europäischen Opposition hat es erstmals Tote gegeben. Offiziellen Angaben zufolge starben in der Nacht zum Mittwoch drei Menschen, zwei der Opfer wiesen Schussverletzungen auf. Demonstranten berichteten, einer der Männer sei von Scharfschützen gezielt erschossen worden. Eine dritte Person sei im Kampf mit der Polizei vom Dach eines Fussballstadions gestürzt. Die Regierung wies die Verantwortung für die Eskalation zurück und brandmarkte die Demonstranten als Terroristen.


Präsident Viktor Janukowitsch kam am Nachmittag mit Vertretern der Opposition zusammen. Die Gespräche mit Box-Weltmeister Vitali Klitschko, Ex-Wirtschaftsminister Arseni Jazenjuk und dem Nationalisten Oleh Tjahnibok dauerten gut drei Stunden. Anschliessend erklärte Klitschko vor Anhängern auf dem Unabhängigkeitsplatz, der Präsident sei auf seine Forderungen nicht eingegangen. Wenn Janukowitsch auch bis morgen kein Entgegenkommen erkennen lasse, werde die Opposition in die Offensive gehen. Zugleich warnte Klitschko die Demonstranten, dass die Polizei eine Räumung des Unabhängigkeitsplatzes vorbereite. «Wir müssen alles unternehmen und sie daran hindern, uns zu vertreiben», rief er der jubelnden Menge zu.

Demonstranten harren in klirrender Kälte aus

Trotz eines massiven Polizeiaufgebots kamen wieder zahlreiche Menschen zum Unabhängigkeitsplatz in Kiew. Auch am Abend hielten noch Hunderte Menschen in klirrender Kälte dort aus. Einige Demonstranten setzten Autoreifen in Brand. Dicke schwarze Rauchwolken zogen in die Reihen der Bereitschaftspolizisten. In Brüssel äusserte sich EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso schockiert über die Toten in Kiew und brachte Sanktionen gegen die Ukraine ins Gespräch.


Regierung und Opposition ringen seit November um die Macht, nachdem Präsident Janukowitsch ein mit der EU ausgehandeltes Partnerschaftsabkommen platzen liess und stattdessen das Land wieder stärker an Russland anlehnte. Einen neuen Höhepunkt fanden die Proteste am Sonntag, als mehr als 100.000 Menschen gegen die vom Parlament verabschiedete Einschränkung des Demonstrationsrechts protestierten.


Die drei Toten wurden vom Generalstaatsanwalt in Kiew bestätigt, ebenso die Schussverletzungen bei zweien. Die Polizei bestritt, Schusswaffen eingesetzt zu haben. Im Zentrum Kiews ertönten «Mörder»-Rufe, als sich die Nachricht vom Tod der Demonstranten verbreitete. Über dem Maidan-Platz waberte der Rauch von brennenden Reifen, mit denen sich die Demonstranten vor den vorrückenden Polizisten zu schützen suchten.

Regierung macht die Opposition verantwortlich

Ministerpräsident Mikola Asarow machte die Demonstranten auf dem Maidan-Platz für die zunehmende Gewalt verantwortlich: «Terroristen vom Maidan haben Dutzende Menschen umzingelt und geschlagen. Ich stelle offiziell fest, dass es sich um Kriminelle handelt, die sich für ihre Taten werden verantworten müssen.» Zu den jüngsten Zusammenstössen war es gekommen, als die Polizei unter Einsatz von Tränengas ein Lager der Demonstranten auflösen wollte. Nach Augenzeugen-Berichten wurden die Beamten mit Benzinbomben beworfen. Die Polizei erklärte, sie habe Kanister mit giftigen Chemikalien gefunden, deren Einsatz die Kundgebungsteilnehmer vorbereitet hätten.


EU-Kommissionspräsident Barroso zeigte sich schockiert vom Tod der Demonstranten: «Wir werden die Entwicklung ganz genau beobachten und prüfen, was wir seitens der Union tun können und ob unsere Beziehungen zur Ukraine überprüft werden müssen», sagte er in Brüssel. Der CDU-Europapolitiker Elmar Brok sagte dem Berliner «Tagesspiegel», möglich seien etwa Einreiseverbote oder das Sperren von Bankkonten derjenigen, die für die drei Todesfälle verantwortlich seien.

(reuters/me)

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