Lange glaubte niemand, die Fifa würde ernsthaft ihre Hand gegen eigene Funktionäre erheben. Doch seit Monaten zeigen die Ethikkommission und externe Berater einen erstaunlichen Einsatz, allfällige Vergehen der alten Führung zu ahnden – wenn möglich mit der Höchststrafe.

In der gewichtigsten Causa – gegen Sepp Blatter – gehen die internen Untersuchungsinstanzen nun aufs Ganze. Wegen Korruption sollen der Präsident und sein Herausforderer Michel Platini lebenslang von allen Aktivitäten in der Fussballwelt gesperrt werden. So steht es in den Berichten der Untersuchungskammer der Fifa-Ethikkommission. Die Papiere dienen der Fifa intern als Anklageschriften gegen die beiden Verbandsgiganten.

«Handfeste Beweise finden sich nirgends»

Im Zentrum der Vorwürfe steht eine erklärungsbedürftige Zahlung des Weltfussballverbands an Platini vom Februar 2011 über 2 Millionen Franken. Die Untersuchungskommission scheute keine Mühe. E-Mails wurden gesichtet, Zeugen befragt, Akten sichergestellt. Bis Untersuchungsleiter Robert Torres schliesslich den Tatbestand Korruption in seinen Bericht über Blatter hineinschrieb.

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Doch die Anklage ist ein grosser Bluff. «Handfeste und juristisch verwertbare Beweise für den Vorwurf der Korruption finden sich im gesamten Untersuchungsbericht nirgends», sagt eine mit der Sachlage vertraute Person. Niemand rechne noch ernsthaft damit, dass Blatter wegen Korruption verurteilt werde.

Mündliche Vereinbarung zwischen Blatter und Platini

Die ganze Angelegenheit geht möglicherweise auf Vorgänge im Jahr 1998 zurück. Blatter war gerade ins Präsidentenamt der Fifa gehievt worden. Zu seinen Jüngern gehörte damals auch Platini. Und so begann der Franzose ab 1999 bis 2002 für die Fifa zu arbeiten. Sein regulärer Lohn betrug 300’000 Franken pro Jahr plus schwankende Extras zwischen 18’000 und 46’000 Franken.

Blatter und Platini wollen mündlich aber eine Totalentschädigung von 1 Million Franken jährlich ausgemacht haben, die vollständig erst zu einem späteren Zeitpunkt beglichen werden sollte. So jedenfalls lautet die Begründung der beiden für die strittige 2-Millionen-Zahlung im Jahr 2011. In Frankreich ist letztes Wochenende eine Aktennotiz der Uefa aus dem Jahre 1998 aufgetaucht, in der von einer solcher Entschädigung tatsächlich die Rede sei.

Widersprüchliche Schlussfolgerungen

Doch Untersuchungsleiter Torres kommt in seinem Bericht zu einem komplett anderen Schluss: Diese Zahlung im Jahr 2011 hänge mit der Kandidatur Blatters für das Präsidentenamt im Mai des gleichen Jahres zusammen, lautet sein Fazit. Deshalb handle es sich um Korruption.

Torres sieht als Motiv für den Korruptionsakt die besonderen Umstände bei der Wahl 2011 und bringt Mohamed bin Hammam ins Spiel. Der Katari kandidierte 2011 offiziell gegen Blatter für das Fifa-Präsidium. Ein zusätzlicher Herausforderer hätte Blatter gefährlich werden können, weil ein Ausgang der Wahl bei drei valablen Kandidaten unberechenbar gewesen wäre. Deshalb habe Blatter Platini günstig stimmen wollen, worin der Vorwurf der Korruption begründet liege. Einen Beweis für die Richtigkeit dieser Theorie liefert die Kommission nicht, auch keine Belege, die eine plötzliche Haltungsänderung von Platini nach Erhalt der Zahlung bezeugen würden.

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Die Vorgänge im Vorfeld der Zahlung an Platini sind im Gegenteil wenig geeignet, die These vom Zusammenhang zwischen Zahlung und Wahl Blatters zu festigen.

Argumente verlieren an Beweiskraft

Da ist die zeitliche Komponente: Platinis Rechnung über 2 Millionen Franken datiert vom 17. Januar 2011. Doch auch nach dem Begleichen derselben durch die Fifa Anfang Februar schlug sich Platini nicht unmittelbar auf die Seite Blatters. Im Gegenteil hielt er sich noch Wochen, Monate bedeckt. Ebenso erhellend ist ein anderer zeitlicher Zusammenhang. Die ersten Gespräche zur Millionenzahlung an Platini fanden nicht erst in der heissen Phase des Wahlkampfs statt, sondern bereits im Vorjahr. Das Argument der zeitlichen Nähe zwischen Zahlung und Wahl Blatters verliert damit an Beweiskraft.

Erhellend sind vor allem aber die Umstände, die zur Zahlung führten. Die Initiative ging von Platini aus, und zwar bereits ein Jahr vor der Wahl Blatters. Pikant: Platini konferierte in dieser Sache nicht im Geheimen mit Blatter, sondern wandte sich an Finanzchef Markus Kattner. Vor allem Kattner konnte sich an die Begegnungen 2010 erinnern; Platini dagegen wies offenbar Erinnerungslücken auf, als er von der Untersuchungskommission befragt wurde. Für die Kommission ist aber klar: Platini ist 2010 mindestens zwei Mal an den Finanzchef herangetreten, um über die Angelegenheit der mutmasslich ausstehenden Zahlungen zu sprechen. Kattner soll später in den Büchern Rückstellungen für Platinis Zahlungen vorgenommen haben.

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Verhandlungen mit dem Finanzchef

Damit aber stellen sich neue Fragen: Wenn Blatter tatsächlich Platini für seine Zwecke gewinnen und deshalb bestechen wollte, warum würde dieser mehrmals über einen längeren Zeitraum hinweg und aus eigenem Antrieb heraus auf den Finanzchef zugehen müssen? Oder umgekehrt – falls Platini Blatter unter Druck setzen wollte: Warum würde Platini in diesem Fall mit dem Finanzchef verhandeln wollen?

Es gäbe durchaus andere denkbare Motive für Platini, 2010 allenfalls ausstehende Honorare endlich einzufordern. Blatter stand zur Wiederwahl, aber in trockenen Tüchern war nichts. Wenn Blatter aber unterläge, stünde es um Platinis Millionen schlecht, die ja von Blatter nur mündlich zugesichert worden waren. Natürlich bleibt vieles weiter ungeklärt, etwa warum Platini diese Honorarzahlung nicht schon früher einforderte. Aber einen juristisch verwertbaren Zusammenhang zur Wahl Blatters 2011 gibt es offensichtlich nicht. Deshalb verfolgte Torres im Bericht auch eher die Plausibilisierungs-Strategie: Es gebe «Ungereimtheiten». Darüber hinaus hätte Platini seine Forderung schon Jahre früher erheben können und müssen. Es sei «frappierend», dass Platini seine Forderung erst kurz vor Blatters Wahl 2011 und nicht schon in den Jahren zuvor erhoben habe.

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Dokumentenfälschung und illoyales Verhalten

Torres ist sich seiner Sache offenbar nicht ganz sicher und bringt bei seinen Anträgen an die Recht sprechende Kammer zwei Varianten ins Spiel: Lebenslang für Blatter, falls das Gericht den Korruptionsvorwurf bejaht. Zehn Jahre und eine Busse im unteren sechsstelligen Bereich, falls das Gericht der Korruptionsargumentation nicht folgen möchte. Dann blieben noch die mutmasslichen Vergehen gegen den Ethik-Kodex, weil beispielsweise die versprochene Zahlung lange Zeit nicht in den Fifa-Büchern auftauchte. Die entsprechenden Anklagepunkte lauten dann Dokumentenfälschung, Interessenkonflikte und illoyales Verhalten.

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