Der ukrainische Oppositionspolitiker Vitali Klitschko hat sich nach einem Krisengespräch mit Präsident Viktor Janukowitsch enttäuscht gezeigt. Das stundenlange Gespräch habe nichts gebracht, sagte der frühere Boxweltmeister am frühen Freitagmorgen auf dem Unabhängigkeitsplatz in der Hauptstadt Kiew. Janukowitsch wolle die Opposition hinters Licht führen. Erneut äußerte Klitschko die Sorge vor einer Eskalation. «Ich werde überleben, aber ich fürchte, dass es Tote geben wird. Davor habe ich Angst.»

Klitschko und zwei weitere Oppositionspolitiker wollten von dem Staatsoberhaupt Zugeständnisse erreichen, um die Proteste und Zusammenstöße mit der Polizei zu beenden. Bei den Auseinandersetzungen sind drei Demonstranten ums Leben gekommen. Nach Klitschkos Darstellung erwägen weder Janukowitsch noch seine Regierung einen Rücktritt. Er forderte die Bürger auf, die Proteste schrittweise auszudehnen. «Heute nur ein paar Städte - morgen werden es mehr. Heute ein paar Barrikaden - morgen noch mehr.»

Seit die ukrainische Regierung die Tür zur EU im November überraschend zuknallte, ist das osteuropäische Land in eine tiefe Krise gestürzt. Die Zusammenstösse zwischen Regierungsgegnern und Sicherheitskräften haben erste Menschenleben gekostet. So eskalierte die Lage in der Ukraine seit November vergangenen Jahres.

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21. November: Die Regierung legt ein ausgehandeltes Abkommen zur wirtschaftlichen und politischen Zusammenarbeit mit der EU auf Eis und wendet sich Russland zu.

24. November: Zehntausende Menschen protestieren auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, der auch Maidan genannt wird, gegen den Kurswechsel der Regierung. Auch in anderen Städten - insbesondere im westlichen Lemberg (Lwiw) - geht die Opposition auf die Strasse.

30. November: Bei einem gewaltsamen Polizeieinsatz auf dem Maidan werden dutzende Demonstranten verletzt. Die Opposition verlangt den Rücktritt von Präsident Viktor Janukowitsch und Neuwahlen.

1. Dezember: Bis zu einer halben Million Menschen versammeln sich auf dem Maidan. Regierungsgegner haben Zelte und Barrikaden aufgestellt. Bei Zusammenstössen vor dem Büro des Präsidenten werden 300 Menschen verletzt. Hunderte Demonstranten besetzen das Rathaus.

8. Dezember: Am Rande einer neuen Massenkundgebung demontiert eine Gruppe nationalistischer Oppositioneller eine Lenin-Statue im Zentrum der Hauptstadt.

11. Dezember: Während sich EU-Chefdiplomatin Catherine Ashton und die Europa-Beauftragte im US-Aussenministerium, Victoria Nuland, in Kiew um Vermittlung bemühen, stürmt die Bereitschaftspolizei das Protestlager auf dem Maidan. Weil tausende Regierungsgegner auf den Platz strömen, müssen sich die Sicherheitskräfte zurückziehen.

17. Dezember: Russlands Präsident Wladimir Putin sagt Janukowitsch in Moskau einen Notkredit von 15 Milliarden Dollar und billigeres Gas zu. Die Opposition wirft Janukowitsch vor, die Ukraine an Russland zu verkaufen. Doch nimmt das Abkommen den Regierungsgegnern auch den Wind aus den Segeln.

25. Dezember: Die bekannte oppositionsnahe Journalistin Tetjana Tschornowil wird von Unbekannten zusammengeschlagen. Die Gewalt gegen die Janukowitsch-Kritikerin treibt die Regierungsgegner wieder in Massen auf den Maidan.

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10. Januar: Der führende Oppositionelle und frühere Innenminister Juri Lutschenko wird von Polizisten mit Schlagstöcken niedergeknüppelt und erleidet eine Gehirnerschütterung. Zwei Tage später demonstrieren 50.000 Menschen gegen die Gewaltanwendung.

17. Januar: Das Parlament verabschiedet Gesetze, die das Demonstrationsrecht stark beschneiden.

19. Januar: 200.000 Menschen versammeln sich auf dem Unabhängigkeitsplatz und protestieren gegen die Gesetze. Bei gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Nähe des Platzes werden dutzende Menschen auf beiden Seiten verletzt. Die Gewalt eskaliert.

22. Januar: Polizeieinheiten rücken gegen Demonstranten vor, die sich hinter Barrikaden verschanzen. Die Behörden bestätigen zwei Todesopfer. Nach Angaben von Ärzten kamen seit Dienstag fünf Menschen ums Leben.

(sda/reuters/moh/vst)
 

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