Nach Abriegelung der ungarischen Grenze zeichnet sich eine neue Flüchtlingsroute über den Balkan ab. Kroatiens Regierungschef Zoran Milanovic kündigte daher in Zagreb an, aus Serbien einreisende Flüchtlinge dürften sein Land nach Westeuropa passieren.

«Sie können durchreisen, und wir bereiten uns auf diese Möglichkeit vor», sagte der Sozialdemokrat im Parlament. Der Weg von Serbien über Kroatien gilt als Ausweichroute für Flüchtlinge, die Richtung Österreich und Deutschland wollen, nachdem Ungarn seine Grenzen geschlossen hat.

Die ersten Flüchtlinge aus Syrien, Iran und Afghanistan waren am Mittwochmorgen, einen Tag nach Abriegelung der ungarischen Grenze, an der Grenze Serbiens zum EU-Nachbarland Kroatien eingetroffen. Kroatien will sich daher mit dem Nachbarland Slowenien über die Einrichtung eines Korridors für Flüchtlinge verständigen.

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Griechenland überwacht Grenzfluss

Um das Entstehen neuer Flüchtlingsrouten aus der Türkei zu verhindern, erhöht Griechenland seine Überwachungsmassnahmen entlang des Flusses Evros an der Landesgrenze im Nordosten.

In den letzten Jahren sind dutzende Menschen beim Überqueren des an einigen Stellen reissenden Flusses oder in einem Minenfeld am Ufer ums Leben gekommen. Trotzdem gilt der Übergang als etwas weniger gefährlich als der Weg von der Türkei nach Griechenland übers Meer.

Zwischen Montag und Dienstagmorgen landeten nach Angaben der Küstenwache auf Kos, Leros, Samos, Chios und Lesbos erneut rund 4000 Flüchtlinge. 773 von ihnen wurden von der Küstenwache aus den Fluten gerettet.

Wie Griechenland will auch Bulgarien die illegale Einreise von Flüchtlingen über die 271 Kilometer lange Grenze zur Türkei stoppen. Sofia will daher seinen 30 Kilometer langen Grenzzaun zur Türkei weiter ausbauen.

Tumulte an der ungarischen Grenzsperre

Nach Ungarn kamen indes nach der Schliessung der Grenze kaum mehr Flüchtlinge. Gegen Ende Nachmittag spitzte sich die Lage dort vorübergehend aber wieder zu. Am serbisch-ungarischen Grenzübergang Röszke drängten dutzende Flüchtlinge die ungarische Polizei zurück und drangen auf ungarisches Gebiet vor.

Die Polizei erhielt Verstärkung von der Armee, die mit bewaffneten Militärjeeps vorfuhr. Die Polizisten setzten Tränengasgranaten ein, wie AFP-Reporter berichteten. Nach stundenlangen Tumulten beruhigte sich die Lage am Abend wieder. Die Flüchtlinge wurden mit Bussen in die grenznahe serbische Stadt Kanjiza gebracht.

Zuvor hatten hunderte von ihnen ein Tor an dem Grenzübergang niedergerissen und die ungarischen Polizisten mit Steinen und Flaschen beworfen. Die Sicherheitskräfte setzten Wasserwerfer ein. Gemäss den ungarischen Behörden wurden 20 Polizisten verletzt. Zwei Kinder sollen verletzt worden sein, als sie über den Grenzzaun geworfen worden seien, hiess es von ungarischer Seite weiter.

Entscheid über allfälligen Sondergipfel

Die EU-Kommission kritisierte erneut Ungarns Grenzschutzpolitik. «Jeder Versuch, Mauern und neue Zäune zu bauen, ist nicht das Europa, das wir wollen», sagte EU-Kommissarin Cecilia Malmström. Sie appellierte an die EU-Staaten, zu einer gemeinsamen Linie in der Flüchtlingspolitik zu finden.

Die EU-Innenminister hatten sich am letzten Montag bei ihrer Krisensitzung lediglich auf einer vagen Absichtserklärung einigen können. Am kommenden Dienstag beraten sie daher erneut über die EU-interne Umverteilung von 120'000 Asylsuchenden.

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Bereits am Donnerstag wird das EU-Parlament im Dringlichkeitsverfahren darüber abstimmen. EU-Ratspräsident Donald Tusk will am Donnerstag entscheiden, ob ein EU-Sondergipfel abgehalten werden muss.

Grenzkontrollen in Österreich

Angesichts des Andrangs von Flüchtlingen führte Österreich am Mittwoch wieder Grenzkontrollen ein. Die Zahl der Flüchtlinge, die von Österreich nach Deutschland kommen, stieg zuletzt wieder. Allein bis zu Mittwochmittag kamen erneut 1300 Flüchtlinge in Bayern an. Offenbar nutzen Schlepper nun kleinere Grenzübergänge.

(sda/chb)