Millionen Menschen demonstrierten gestern für die Unabhängigkeit Kataloniens. Warum gerade jetzt?
Àlex Furest*: Katalonien wartet seit dem Ende der Diktatur vor 35 Jahren, um aus Spanien einen modernen, angenehmen Staat zu machen in dem die Katalanen voll respektiert leben können - aus kultureller, sprachlicher und politischer Sicht. Darauf arbeiten die katalanischen Politiker seit 150 Jahren hin, seit der ersten Republik 1873. Doch es blieb immer ein Unverständnis von Seiten der Spanier. Das 2006 ausgehandelte Autonomiestatut wurde dann im spanischen Parlament und dann vom Verfassungsgericht verwässert. Die Folge ist ein wachsender Frust bei den Katalanen. Die Wirtschaftskrise verstärkte dieses Gefühl.

Wie stark wurde die Provinz durch die spanische Krise getroffen?
Die Folgen sind schmerzhaft. Es gingen viele Stellen verloren und viele Unternehmen gingen pleite. Die Budgetkürzungen in Madrid führten zu einer Finanzierungslücke bei der katalanischen Regierung. Daher musste sie bei Gesundheit und Bildung sparen. Das führt zu sozialen Spannungen.

Machen gewisse Leute dafür auch die Zentralregierung in Madrid verantwortlich?
Es gibt einen Konsens, dass die Zentralregierung in Madrid die Krise in Katalonien verschlimmerte. Hinzu kommt, dass gemäss Berechnungen unserer Regierung seit 1986 rund 250 Milliarden Euro nach Madrid flossen - ohne grossen Gegenwert. Damit wurden unter anderem völlig überrissene Infrastrukturprojekte finanziert, wie etwa Hochgeschwindigkeits-Bahnlinien an Orten ohne wirkliche Nachfrage herrscht. Da gibt es mitunter Bahnhöfe, bei denen im Schnitt zwei Personen pro Monat ein- und aussteigen. Oder es wurden 44 Flughäfen für eine Bevölkerung von 47 Millionen gebaut. Deutschland hat 17 Airports für 85 Millionen. Oder das riesige spanische Autobahnnetz, auf dem vielerorts fast keine Autos unterwegs sind - das ist Irsinn!

Ein grosser Markt für katalonische Firmen ist jedoch Spanien. Risikieren Sie nicht, Aufträge zu verlieren?
Es gibt eine seriöse Studie von zwei katalanischen Ökonomen dazu. Sie fanden heraus, dass die Folgen eines allfälligen Boykotts Spaniens durch das Wegfallen der Überweisungen nach Madrid aufgewogen würden. Man muss zudem sehen, dass sich solche Boykotte normalerweise auf den Konsum auswirken und nicht den industriellen Handel. Es würde also nicht zu einer Katastrophe kommen, wie viele Befürworter des Verbleibs bei Spanien postulieren.

Was würde denn ein unabhängiges Katalonien wirtschaftlich bringen?
Katalonien hat ein Bruttoinlandprodukt von 200 Milliarden Euro. Das ist nicht wenig. Wenn wir die Überweisungen nach Madrid stoppen, dann können wir in die Infrastruktur investieren und zu einem Land wie Dänemark und Österreich werden.

Aber ist die Bewegung nicht ein Stück weit egoistisch? Am Ende profitierten Spanien und Katalonien doch gegenseitig voneinander.
Katalonien wurde seit jeher ausgenutzt. Das geht ganz lange zurück. Die Regierung in Barcelona muss seit Jahrhunderten hohe Steuern nach Madrid abliefern. Doch einen richtigen Gegenwert erhielt sie nie. Das Geld versickerte in unrentablen Investitionen. Das sieht man schon daran, dass trotz Finanzausgleich Regionen wie Andalusien oder die Extremadura noch heute eine Arbeitslosigkeit von 35 bis 40 Prozent aufweisen. Die Folge für die Katalanen: Die katalanische Regierung hat zuwenig Geld und viele Bürger müssen ihre Gesundheitsversorgung und Bildung selber zahlen.

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*Àlex Furest ist Ökonom und Mitglied der katalonischen Unabhängigkeitsbewegung Help Catalonia.