Entgegen aller Erwartungen ist der brasilianische Wahlkampf doch noch spannend geworden. Es zeichnet sich ein knappes Rennen zwischen der derzeitigen Präsidentin Dilma Rousseff und ihrer Herausfordererin Marina Silva ab. Ginge es nach Brasiliens Börsianern, wäre der Fall indes klar. Umweltschützerin Silva soll es richten. Ihre Kandidatur liess den Leitindex Bovespa vorübergehend über die magische Schwelle von 60'000 Punkten steigen.

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Dabei stand am Anfang des brasilianischen Wahlkrimis ein Unglück: Gegen Dilma Rousseff antreten sollte eigentlich Eduardo Campos, Präsident der Partido Socialista Brasileiro (PSB). Ohne reelle Chance auf den Sieg, präsentierte sich dieser als moderat-linke Alternative zur amtierenden Präsidentin. Doch keine zwei Monate vor der Wahl, am 13. August, kam Campos mitten im Wahlkampf bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Und Silva, die eigentlich als seine Vizepräsidentin kandidierte, wurde über Nacht zur grossen Kontrahentin für Dilma.

Identifikationsfigur für die Armen

Umfragen haben seither mehrmals bestätigt, was zuvor kaum jemand für möglich gehalten hätte. Rousseff muss um ihre Wiederwahl zittern. Die beiden Kandidatinnen lägen in einem allfälligen zweiten Wahlgang praktisch gleichauf. Die Gründe für den spektakulären Aufstieg von Silva sind indes nur bedingt in ihrem politischen Programm zu sehen. Wichtiger sind ihre Lebensgeschichte und die wirtschaftlichen Probleme, in die das Land in den letzten Jahren geschlittert ist.

Mit Silva können sich auch viele arme Brasilianer identifizieren. Geboren in einer Pfahlbausiedlung tief im Amazonas, war ihre Kindheit selbst von bitterer Armut geprägt. Bereits mit zwölf Jahren arbeitete das Mädchen Vollzeit als Kautschukzapferin und von ihren zehn Geschwistern starben drei bereits im Kindesalter. Der grosse Traum der jungen Marina war der Eintritt ins Kloster und das Leben als Nonne.

Steiler Aufstieg

Lesen und schreiben lernte Silva erst mit 16 Jahren, als sie sich in einem Kloster der Provinzhauptstadt Rio Branco wegen Hepatitis behandeln liess. Die Therapie wurde zum Ausgangspunkt einer bemerkenswerten Karriere. Im Eiltempo holte Silva Schule und Universität nach und schloss mit 26 ihr Geschichtsstudium ab. Gleichzeitig begann auch ihr politisches Engagement in sogenannten Basisgemeinden und in der Gewerkschaft der Gummizapfer.

Nach dem Ende der Militärdiktatur trat Marina Silva der heute regierenden Arbeiterpartei bei. 1990 wurde sie Bundesstaatsabgeordnete und 1994 mit erst 36 Jahren bisher jüngste Senatorin in der Geschichte Brasiliens. Unter Dilmas Vorgänger Inacio Lula da Silva wurde Silva 2003 als Umweltministerin in die Regierung berufen. Doch die politischen Differenzen zur fortschrittsorientierten Führung der Arbeiterpartei wurden bald zu gross.

Nur auf dem dritten Platz

Die Ministerin hatte andere Prioritäten als rasches Wachstum. Sie wehrte sich vergebens gegen Gentechnik in der Landwirtschaft und den Bau von grossen Staudämmen und trat schliesslich enttäuscht aus der Regierung zurück. Bei den Präsidentschaftswahlen 2010 kandidierte Silva für die Grünen gegen ihre ehemalige Parteikollegin Dilma und belegte mit 19 Prozent den dritten Platz.

«Ideologisch und kompromisslos», sei Silva, schreibt die Zeitung «Finanz und Wirtschaft». Wo genau sie politisch steht, ist aber nicht ganz leicht zu sagen. Als konvertierte Anhängerin der evangelikalen Pfingstbewegung lehnt sie zum Beispiel Abtreibung und Homoehe strikte ab – entgegen der Linie ihrer Partei. Dass sie auch als Präsidentin eine grüne Politik machen würde, steht aber ausser Zweifel. «Brasilien soll zum Symbol für nachhaltige Entwicklung werden», sagte Silva im Wahlkampf.

Viel Unzufriedenheit mit Dilma

Es ist vor diesem Hintergrund schwer erklärbar, weshalb gerade die Wirtschaft nun auf Silva setzt. Ihre bisherige politische Karriere lässt kaum auf eine reibungslose Zusammenarbeit mit einer allfälligen Präsidentin Silva hoffen. Trotzdem war der August, der Monat ihrer Erhebung zur Kandidatin, der bisher beste Börsenmonat des Jahres. Und als eine Umfrage Mitte September zeigte, dass Marina Silva gegenüber Dilma an Boden verliert, fiel die brasilianische Währung Real auf ein Siebenmonatstief.

«Der Mittelstand ist unzufrieden», erklärte der brasilianische Journalist Alexander Thoele, im Mai. «Die Lebenskosten in Brasilien sind sehr hoch und anders als die armen Bevölkerungsschichten in den Favelas, kann der Mittelstand nicht von den Sozialprogrammen der Regierung profitieren.» Während die Armen in den zwölf Jahren unter Dilma und Lula profitiert hätten, sei der Mittelstand zwischen Stuhl und Bank geraten.

Liberaler und grüner

Unglücklich mit Dilma sind inzwischen auch die Konzerne, die zu Beginn noch von der Regierung der Arbeiterpartei profitiert hatten. Das schwache Wachstum setzt ihnen zu und in den letzten beiden Quartalen ist Brasiliens Wirtschaft gar geschrumpft. Dilma wird immer wieder vorgeworfen, dass sie in ihrer Wirtschaftspolitik zu sehr auf nachfrageorientierte Massnahmen setze.

Marina Silva wird von den Akteuren aus der Wirtschaft offenbar als das kleinere Problem wahrgenommen. Und weil sie als einzige realistische Herausfordererin von Dilma gilt, reagiert die Börse sehr empfindlich auf jede neue Umfrage. Silva hat bereits angekündigt, eine liberalere Wirtschaftspolitik zu machen als Dilma. Sie wolle die Inflation bekämpfen und das Defizit verringern, versprach sie im Wahlkampf. Gleichzeitig soll aber die Sozialpolitik von Lula und Dilma fortgeführt werden.

Ein brasilianisches Märchen

Die jüngsten Umfragen zeigen keine klare Tendenz für die erwartete Stichwahl am 26. Oktober. Dass aber Marina Silva als aussichtsreiche Kandidatin ins Rennen geht, gleicht angesichts ihrer Biografie bereits einem Märchen. Das solche aber möglich sind, zeigte Ex-Präsident Lula. Auch er kommt aus ärmlichen Verhältnissen. Und wenn Silva tatsächlich als erste Umweltaktivistin zur Präsidentin eines Landes gewählt würde, wäre dies ein Zeichen an die ganze Welt.