Eigentlich wollte Marine Le Pen sich stets abgrenzen von ihrem Vater Jean-Marie, dem für seine rassistischen Ausfälle gefürchteten Gründer der Front National. Doch jetzt sitzt die Chefin von Frankreichs Rechtsextremen selbst wegen provokativer Äusserungen auf der Anklagebank.

Weil sie muslimische Strassengebete in Frankreich mit der NS-Besatzung verglich, wird ihr am Dienstag in Lyon der Prozess gemacht. Und auch wenn ihre Äusserungen schon fünf Jahre zurückliegen: Erneut stellt sich die Frage, wie viel von ihrem Vater noch in ihrer Front National steckt.

Le Pen hatte im Dezember 2010 - wenige Wochen, bevor sie ihren Vater an der FN-Spitze ablöste - bei einem Auftritt in der ostfranzösischen Stadt Lyon muslimische Gebete in der Öffentlichkeit als «Besatzung» bezeichnet.

Immunität aufgehoben

«Sicher geschieht dies ohne Panzer und ohne Soldaten, aber trotzdem ist es eine Besatzung, und betroffen sind die Einwohner», rief Le Pen ihren Anhängern zu. Damit löste sie in Frankreich nicht nur grosse Empörung aus, sondern rief auch die Staatsanwaltschaft auf den Plan.

Die Ermittlungen zogen sich über Jahre hin, wurden zwischenzeitlich eingestellt, dann wieder aufgenommen. Im Juli 2013 hob das EU-Parlament, dem Le Pen angehört, die Immunität der Abgeordneten auf und machte damit den Weg frei für den nun in Lyon beginnenden Prozess.

Der Vorwurf lautet auf «Anstiftung zu Diskriminierung, Gewalt oder Hass gegen eine Personengruppe wegen ihrer Religionszugehörigkeit». Bei einer Verurteilung drohen ihr bis zu ein Jahr Haft und 45'000 Euro Geldstrafe.

Regionalwahlen vor der Tür

Dem Prozess ist auch wegen seines Termins grosse Aufmerksamkeit gewiss: In wenigen Wochen werden in Frankreich die wichtigen Regionalwahlen abgehalten, Le Pens Front National hofft, bei dem Urnengang im Dezember gleich mehrere Regionen erobern zu können. Die 47-Jährige selbst tritt in Nordfrankreich an und hat gute Chancen, ihre Liste zum Sieg zu führen.

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Es wäre nicht der erste Wahlerfolg der Front National unter Parteichefin Le Pen. Bei den Europawahlen im Mai 2014 etwa wurde die FN erstmals stärkste Kraft in Frankreich, bei den Gemeindewahlen zwei Monate zuvor hatten die Rechtsextremen rund ein Dutzend Rathäuser erobert.

Le Pen selbst blickt schon seit geraumer Zeit unverhohlen auf die Präsidentschaftswahlen 2017, bei denen sie Umfragen zufolge gute Chancen hat, in die Stichwahl zu kommen. Die Regionalwahlen sollen der ausländerfeindlichen Partei im Rennen um den Elysée-Palast weiteren Schwung geben.

Strategie der «Entteufelung»

Die Erfolge an der Urne sind auch ein Erfolg für Le Pens Strategie einer «Entteufelung» des Front National. Denn sie hält zwar an der nationalistischen und einwanderungsfeindlichen Ausrichtung der Partei fest.

Mit einer Abkehr von den rassistischen und antisemitischen Parolen ihres Vaters will die blonde Anwältin ihrer Partei aber ein gemässigteres Image geben und konservative Wähler umgarnen. Wegen rassistischer Äusserungen wurden mehrere FN-Politiker rausgeworfen.

Der Streit um die Ausrichtung der Partei führte sogar zum Bruch mit ihrem Vater: Nachdem der 87-Jährige im April zum wiederholten Male die NS-Gaskammern als «Detail» der Geschichte des Zweiten Weltkriegs bezeichnet hatte, stellte die Tochter den Parteigründer kalt - im August wurde er aus der Front National rausgeworfen.

Gerichtssaal als Bühne

Der Prozess in Lyon wird nun wieder in Erinnerung rufen, wie ähnlich Vater und Tochter Le Pen ticken, bis hin zur Rhetorik. Die Parteichefin aber scheint das nicht zu befürchten - und will den Gerichtssaal vielmehr als Bühne nutzen.

Als sie nach Bekanntgabe des Prozesstermins gefragt wurde, ob sie denn vor Gericht erscheinen würde, antwortete sie sofort: «Ja sicher, ich werde eine solche Gelegenheit doch nicht verpassen.»

(sda/gku)