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Interview
«Metastasenartig über den Globus»

Nach dem Bombenanschlag auf den Marathon in Boston spricht der Terrorismus-Experte Rolf Tophoven über die Psychologie des Angriffs, die mögliche Täterschaft und den Handlungsspielraum Barack Obamas.

Von Vasilije Mustur
am 16.04.2013

Herr Tophoven, die Vereinigten Staaten sind während dem Boston Marathon von einem Terror-Bombenanschlag heimgesucht worden. Überrascht Sie dieser neuerliche Angriff?
Rolf Tophoven:
Der Zeitpunkt für dieses Attentat kommt tatsächlich unerwartet. Ich gehe aber davon aus, dass das Überraschungsmoment von den Drahtziehern einkalkuliert war. 

Was wollen Sie damit sagen?
Wir müssen schon sehen, dass die USA beinahe ein Jahrzehnt gebraucht haben, um sich vom Trauma des 11. Septembers zu erholen. Nun ist das Gefühl der Sicherheit, der Unverletzbarkeit allmählich in die Köpfe der Menschen zurückgekehrt - und diesen Zustand haben die Attentäter erfolgreich für ihre Zwecke missbraucht. Die Zielregion wurde perfekt ausgewählt. Dieses «Soft Target» - wie es der Boston Marathon ist - sollte die Flanke der offenen Gesellschaft mit voller Wucht treffen. Die Bombenanschläge an sich in Kombination mit den Ängsten der Bevölkerung reisst die überwunden geglaubten Narben vom 11. September wieder auf. 

Welche Handschrift trägt dieser Terroranschlag? 
Darüber will ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht spekulieren. Das Spekturm reicht vom internationalen Terrorismus wie Al Kaida bis hin zu rechtsradikalen Kreisen innerhalb der Vereinigten Staaten. Es fällt jedoch auf, dass die Vorgehensweise wie bei früheren Anschlägen dieselbe ist. Bomben detonieren zeitgleich an verschiedenen Orten. 

Diese Taktik kennen wir doch von...
Al Kaida - das ist richtig. Die Organisation des verstorbenen Osama Bin Ladens ist für diese Strategie berüchtigt. Allerdings wissen wir, dass sich diese Vorgehensweise kopieren lässt. 

Wie stark ist der internationale Terrorismus und insbesondere Al Kaida denn noch?
Seit dem Tod von Osama Bin Laden hat sich der internationale Terrorismus metastasenartig über den gesamten Globus dezentral ausgebreitet. Al Kaida operiert nicht mehr hauptsächlich von Afghanistan aus. Vielmehr stellen derzeit der Jemen, Syrien oder auch Mali für das Terrornetzwerk einen sicheren Hafen dar. 

In den vergangenen Tagen und Wochen rasselte Kim Jong Un derweil mächtig mit dem Säbel. Wie wahrscheinlich ist es, dass das kommunistische Nordkorea für den Anschlag verantwortlich ist?
Das halte ich für ausgeschlossen. Sollte sich wider erwarten herausstellen, dass Nordkorea hinter den Anschlägen steckt, wäre ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel nicht mehr abzuwenden. 

Welche Vergeltungsmassnahmen bleiben US-Präsident Barack Obama nach dem Terrorangriff auf die USA?
Nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon in New York und Washington am 11. September 2001, liess der damalige Präsident George W. Bush Afghanistan bombardieren und entsandte daraufhin Truppen in den Hindukusch. Diese Option fällt in diesem Fall aus.

Warum?
Zum einen steht noch nicht fest, wer für den Angriff verantwortlich ist. Zum anderen operieren Terroristen nicht mehr nur von einem Ort aus. Das FBI muss die Sprengsätze analysieren. Darüber hinaus erwarte ich in den nächsten Stunden oder Tagen ein Bekennerschreiben - dann lassen sich die Möglichkeiten besser einschätzen. Sicherlich liesse sich die Strategie der Drohnenangriffe auf Terroristen weiterverfolgen. 

Müssen wir nach den neuerlichen Angriffen mit schärferen Sicherheitsmassnahmen an Flughäfen oder Sportveranstaltungen rechnen?
Die USA stehen unter Schock. Die Terroristen haben dem Weissen Haus wieder ins Gedächtnis gerufen, dass sie verwundbar sind. Da ist es nur menschlich, dass die Sicherheitsmassnahmen reflexartig verschärft werden. Nichtsdestotrotz warne ich davor, in Histerie oder Panik zu verfallen. Wenn wir die Sicherheitsmassnahmen für Sportveranstaltungen oder Musikkonzerte drastisch erhöhen oder diese gar abschaffen, haben wir das Spiel der Terroristen angenommen - und verloren.

Rolf Tophoven ist deutscher Journalist und seit den 1970er Jahren als Terrorismus-Experte bekannt. 

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