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Abkommen
Mexiko, Kanada und die USA verhandeln Nafta nach

Justin Trudeau (l.) und Donald Trump: Der US-Präsident lässt nachverhandeln. Keystone

Ursprünglich wollte Donald Trump Nafta gleich ganz kündigen. Nun wird stattdessen nachverhandelt. Der nordamerikanische Freihandel ist für die US-Wirtschaft zu wichtig.

Veröffentlicht am 09.08.2017

Es ist eines der grössten Handelsabkommen der Welt: Vor 25 Jahren wurde der nordamerikanische Handelspakt Nafta zu Ende verhandelt. Der Deal steht dank US-Präsident Trump als Ganzes auf dem Prüfstand. Kritik gibt es von allen Seiten, doch verzichten will niemand.

Was hat Donald Trump im Wahlkampf über dieses Abkommen gewettert: «Der schlechteste Deal, der jemals unterzeichnet wurde», sei Nafta, das nordamerikanische Handelsabkommen zwischen den USA, Kanada und Mexiko.

Nachverhandlungen statt Kündigung

Vom 16. August an wird das derzeit - je nach Lesart noch vor der EU - grösste Handelsabkommen der Welt nachverhandelt. So ganz wollte der US-Präsident dann wohl doch nicht in den Sand setzen, was drei seiner Vorgänger in mühsamer Arbeit aufgebaut haben.

Am 12. August 1992 war sinnbildlich weisser Rauch aufgestiegen über Washington: Angeschoben noch von Ronald Reagan hatte die Administration von George Bush den Handelspakt mit den beiden Nachbarn zu Ende verhandelt.

Am 1. Januar 1994 trat er in Kraft, Mexiko ins Boot holend, das bereits 1988 etablierte US-kanadische Abkommen ersetzend. Bushs demokratischer Nachfolger Bill Clinton peitschte es durch den Kongress und setzte von US-Seite seine Unterschrift unter die Urkunde.

Handel hat sich vervierfacht

Nafta hat in den vergangenen über 20 Jahren zumindest aus US-Sicht ganze Arbeit geleistet: Der Handel zwischen den drei Teilnehmer-Ländern vervierfachte sich. Die reale US-Wirtschaftsleistung verdoppelte sich - wenngleich der Anteil von Nafta daran umstritten ist.

Unbestritten bleibt: Kanada und Mexiko sind aus US-Sicht die weitaus grössten Abnehmer von Exporten in aller Welt, noch vor dem Riesenreich China. Kanadas Exporte gehen zu zwei Dritteln in die USA, Mexikos zu 80 Prozent.

«In den vergangenen 20 Jahren haben sich Handel, Investitionen und die wirtschaftliche Interaktion unter den drei Ländern dramatisch nach oben entwickelt», hatte Clyde Hufbauer vom Peterson Institute for International Economics bereits zum 20-jährigen Bestehen 2014 analysiert.

Mexiko als Billiglohn-Standort für US-Firmen

Mexiko, das Land, dessen Bürger Trump verunglimpfte und an dessen Grenzen er eine Mauer bauen will, profitierte vom Eintritt in das Abkommen längst nicht in gleicher Weise. Die Armutsrate hatte sich von 1994 bis 2012 praktisch nicht geändert, genauso wenig wie eine Anpassung der Reallöhne, fand das Center for Economic and Policy Research in Washington heraus.

Beim Wachstum fiel Mexiko sogar hinter andere lateinamerikanische Länder zurück. Wie das ohne Nafta gewesen wäre, bleibt Kaffeesatzleserei.

Klar ist aber auch: Die grossen US-Unternehmen haben Mexiko seit 1993 vor allem als Billiglohn-Standort genutzt und Produktionsanlagen auf neue Werke südlich der Grenze verlagert. 1993 hatten die USA mit Mexiko noch einen Handelsüberschuss von 1,7 Milliarden US-Dollar. 20 Jahre später stand schon ein Defizit von 50 Milliarden Dollar zu Buche. US-Ökonomen gehen davon aus, dass auf US-Boden dadurch 600'000 Arbeitsplätze verloren gingen.

Millionen Jobs betroffen

Mexiko baute in derselben Zeit allein im Automobilsektor mehr als 300'000 Arbeitsplätze auf. Andererseits: zwei Millionen Jobs in den USA hängen vom Handel mit Mexiko ab. Und: Erst die Produktionsmöglichkeiten in Mexiko haben die USA konkurrenzfähig mit dem grossen Wettbewerber China gemacht, fanden David Autor, David Horn und Gordon Hanson in ihrer Studie für das National Bureau of Economic Research heraus.

Der Scharmützel gibt es dennoch viele, besonders in der Landwirtschaft. Immer etwa, wenn US-Bauern ein neues Produkt erfolgreich auf dem kanadischen Markt etablieren, reagiere die Regierung des nördlichen Nachbarn mit neuen Regulierungen, bemängeln sie. Genau dieses neue Produkt sei dann nicht mehr marktfähig.

Kampf gegen kanadisches Getreide

In North Dakota, südlich der kanadischen Grenze, blockieren die Weizenbauern mit ihren Traktoren regelmässig die Grenzübergänge - ein verzweifelter Versuch, den Eintritt kanadischen Getreides auf den US-Markt zu verhindern.

In Florida rebellieren die Erdbeerfarmer, in Montana die Viehzüchter. Besonders die kleineren Agrarunternehmer fühlen sich überfordert. Der Papierkrieg mit Kanada entnervt sie. Seit 2013 haben über 40'000 Farmen in den USA aufgegeben, in Mexiko sind es noch deutlich mehr.

Verhandlungen bergen Risiken

Trump hat den Kanadiern bereits empfindliche Zölle aufgebrummt - 20 Prozent etwa für die Einfuhr von bestimmten Arten von Bauholz. «Was sie unseren Milchbauern angetan haben, ist eine Schande», stichelte der US-Präsident in Richtung des nördlichen Nachbarn. Zuletzt nannte er den Handel mit Kanada aber wieder «fair».

Das Verhältnis aller drei Partner soll nun wieder besser werden. Auf Druck Trumps setzen sich alle an einen Tisch. Von US-Seite führt der Globalisierungskritiker Robert Lighthizer die Gespräche. Schon seit Monaten gibt es ein reges Besuchsverhalten zwischen Politikern und Wirtschaftsexperten aller drei Länder.

Am Ende könnte es eher um das Drehen an Stellschrauben gehen als um eine tatsächliche Erneuerung - zu risikoreich ist für alle Beteiligten ein Zusammenbruch des Abkommens. Das sogenannte Chapter 19 ist eine von ihnen - darin ist geregelt, wer wo eventuelle Streitfälle schlichtet.

(sda/gku)

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