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Eskalation
Mit Scaramucci zieht der Vulgarismus ins Weisse Haus

Mit Scaramucci zieht der Vulgarismus ins Weisse Haus
Anthony Scaramucci: «Ich versuche nicht, meinen eigenen Schwanz zu lutschen.» Keystone

Politik ist oft ein raues Geschäft. Was aber Donald Trumps frisch gebackener Kommunikationschef im Gespräch mit einem Reporter des «New Yorker» von sich gibt, ist kaum zu glauben.

Veröffentlicht am 28.07.2017

Wer die Ära von US-Präsident Donald Trump verfolgt, irrt sich die ganze Zeit. Immer wieder glaubt man, über die Monate seien alle rote Linien erreicht, alle Standards gerissen, nichts könne mehr wirklich schockieren. Doch dann kam Anthony Scaramucci.

Was Trumps frisch gebackener Kommunikationschef im Gespräch mit einem Reporter des «New Yorker» von sich gibt, ist schwer zu glauben. Politik ist oft ein raues Geschäft. Aber auch in den erbittertsten Machtkämpfen der Weltmacht gehörten öffentliche Obszönitäten und vulgäre Beschimpfungen bisher nicht dazu. Nicht nur Washington ist schwer irritiert.

Scaramucci, sagt Ryan Lizza vom «New Yorker», habe ihn angerufen und vehement bedrängt, seine Quelle für eine Geschichte offenzulegen. Ob er denn kein Patriot sei? Raus mit der Sprache! Wenn nicht, werde er sämtliche möglichen Leaker feuern, und der Reporter sei mitschuldig. Lizza lehnte ab. Bei CNN sagt er: «Das muss man sich mal vorstellen. Der Kommunikationschef des Weissen Hauses. Droht einem Journalisten.»

Beherrschung verloren

Schon nicht sehr hoch gestartet, geht das Niveau des Gesprächs von da an steil bergab. Scaramucci verliert völlig die Beherrschung. Er beschimpft und verunglimpft den Stabschef des Weissen Hauses, Reince Priebus, gegen den er seit Mittwoch öffentlich schiesst und stänkert.

Priebus sei ein «fucking paranoider Schizophrener, ein Paranoiac.» Nun hat Priebus tatsächlich nicht bei allen den besten Stand. Trotzdem kann sich an eine solch vulgäre Schimpftirade in der US-Hauptstadt niemand erinnern. Auch gegen Trumps Chefstrategen Steve Bannon stänkert Scaramucci auf einmalige Weise, die Äusserungen sind allerdings nicht jugendfrei. «Ich bin nicht Steve Bannon. Ich versuche nicht, meinen eigenen Schwanz zu lutschen.»

Vom Leder zieht hier der Mann, der sich um undichte Stellen aus dem Weissen Haus sorgt. Hier spricht jemand, der entweder mal eben komplett aus der Rolle fällt, oder sich der vollen Rückendeckung des US-Präsidenten sicher weiss. Trump ist dafür bekannt, dass er Streit und Hader liebt, Drama und Kabale von Herzen schätzt. Er glaubt, ein «Streit der Besten» erzeuge die besten Ergebnisse. Ist Priebus zum Abschuss frei?

Keine Entschuldigung, kein Zurücknehmen

Scaramucci sagt unschuldig, er sei da, um dem Land zu dienen. Am Donnerstagabend reagierte er erst einmal standesgemäss im Lieblingsmedium seines Herrn und Meisters, auf Twitter. «Ich benutze manchmal eine sehr lebhafte Sprache», schreibt er. «Ich werde mich in diesem Bereich zurückhalten, aber ich werde den leidenschaftlichen Kampf für Donald Trump nicht aufgeben.» Keine Entschuldigung, kein Zurücknehmen, nichts dergleichen.

Zuvor hatte Scaramucci Reporter Lizza beschieden, man habe doch jeweils italienische Wurzeln - lebhafte Sprache und so. Lizza schrieb das alles ungerührt auf. Scaramucci habe genau gewusst, dass dies kein vertrauliches Gespräch war, sagt Lizza. Später wird Scaramucci twittern, es werde ihm nicht mehr passieren, dass er einem Journalisten traue.

Nicht nur in den sozialen Medien war nach den obszönen Äusserungen sofort der Teufel los. Die Kommentarlage in den US-Medien war einhellig: Niemals zuvor habe es ein solches Chaos und ein solches Niveau im Weissen Haus gegeben. Sprecher Sean Spicer hatte zum Abschied gesagt, Scaramucci werde die bereits vorhandene Unsicherheit und das Durcheinander in der Regierung nur verstärken. «Weiser Sean», seufzte die «Washington Post».

Wie zwischen Kain und Abel

Seinen Zwist mit Stabschef Priebus hatte Scaramucci in einem für jede Sekunde hörenswerten CNN-Interview beschrieben als einen Zwist wie zwischen Kain und Abel. Er dürfte wissen, dass der eine den anderen erschlug.

Dass die «New York Times» da Scaramucci einen Dschihad gegen Priebus attestiert, einen heiligen Krieg, ist nur konsequent. Dass Sprecherin Sarah Sanders sich nicht in der Lage sah, Trumps Vertrauen in seinen Stabschef zu bejahen, irgendwie auch.

Das Weisse Haus sei ein Ort mit vielen Perspektiven, sagte Sanders milde. Priebus wird wissen, warum er Scaramucci zunächst sechs Monate lang zu verhindern wusste. Trump, der Generäle grundsätzlich klasse findet, denkt angeblich über John Kelly als Stabschef nach. Das halten fast alle anderen für eine schlechte Idee, was den Präsidenten wiederum nur selten von impulsiver Spontanaktion fernhält.

Furcht, Neid und Missgunst

Wie im Brennglas hat Scaramucci klargemacht, warum Spicer bei dessen Bestallung sofort hingeworfen hat. Über Tage schon machte «The Mooch» (der Schnorrer) mit unverhohlenen Drohungen von sich reden, alle undichten Stellen im Weissen Haus wolle er gnadenlos stopfen, er sagt sogar, alle Leaker töten zu wollen.

Furcht und Hader regieren das Weisse Haus, nackter Neid und Missgunst. Eine offene Feldschlacht mehrerer Lager herrscht, wo hochprofessionelles Regierungshandeln die letzte verbliebene Supermacht steuern sollte.

Niemals, donnerte ein Kommentator, könne Trumps Narrenschiff noch dreieinhalb Jahre so weitersegeln. Bisher hat Kapitän Trump alle eines Besseren belehrt. Aber die See, sie wird dieser Tage nochmals rauer - viele sehen einen Sturm heraufziehen.

(sda/moh)

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