Wann «Tages-Anzeiger»-Chefredaktor Res Strehle zurücktreten werde, hat SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli an der Generalversammlung der Tamedia AG gefragt. Ein Rücktritt Strehles sei nicht vorgesehen, antwortete Verwaltungsratspräsident Pietro Supino.

«Ein Marxist wie Strehle»

Laut Mörgeli passt ein «Marxist wie Strehle nicht zum ‹Tages-Anzeiger›». Gemäss Supino dokumentiert Strehle mit seiner täglichen Arbeit die Übereinstimmung mit der Tamedia-Grundhaltung. Der «Tages-Anzeiger» sei eine unabhängige, liberale Forumszeitung. Strehle geniesse sein volles Vertrauen, sagte Supino.

Mörgeli macht unter anderem Strehle und den «Tages-Anzeiger» für die Kündigung seiner Stelle als Leiter des Medizinhistorischen Museums der Universität Zürich verantwortlich.

Aktionäre schicken Dividendenkürzung bachab

Neben der Mörgeli-Rede wurde auch noch Wirtschaftliches behandelt - zum Beispiel das Thema der Medienvielfalt, die durch eine Dividenenkürzung hätte unterstützt werden sollen. Dieses Thema interessierte die Aktionäre sehr - allerdings fanden sie diesen Vorschlag ziemlich unattraktiv.

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An der GV stellte das Personal mit Unterstützung der Gewerkschaft Syndicom und dem Berufsverband impressum den Antrag, die Dividende zu kürzen und mit dem Geld einen Fonds zur Erhaltung der Informationsqualität, der Pressevielfalt und der Sicherung von Arbeitsplätzen zu äufnen.

Konkret sollten die Aktionäre auf die Hälfte ihres jeweiligen Betrags verzichten, also auf 2.25 Franken pro Aktie. Die deutliche Mehrheit wollte dies aber nicht und lehnte den Antrag ab. Die Aktionäre erhalten somit 4.50 Franken pro Aktie. Dies ist die zweithöchste Ausschüttung seit Börsengang.

Tamedia hat im vergangenen Geschäftsjahr einen Gewinn von 152 Millionen Franken erwirtschaftet. Dennoch kündigte die Unternehmensleitung im März an, den Redaktionen und Druckereien von Tamedia würden würden in den kommenden drei Jahren 34 Millionen Franken eingespart, davon 18 Millionen in der Westschweiz.

Vertrauensproblem in der Romandie

Ludovic Rocchi, Sprecher französischschprachiger Tamedia-Redaktionen, sprach an der GV von einem Vertrauensproblem gegenüber Tamedia. Diese erscheine als gierig. Sparmassnahmen zerstörten die Leidenschaft für den Beruf und gefährdeten die Qualität des Journalismus.

Verwaltungsratspräsident Pietro Supino bedauerte, dass die Ankündigung eines Sparprogramms Verunsicherung ausgelöst habe. Es gehe jedoch darum, die Zukunft des Unternehmens langfristig auch in einem wirtschaftlich und strukturell anspruchsvollen Umfeld zu sichern.

(chb/tno/sda)