1. Home
  2. Politik
  3. Molenbeek: Drehkreuz für den Dschihad in Europa

Terror
Molenbeek: Drehkreuz für den Dschihad in Europa

Molenbeek, ein Brüsseler Stadtteil, nicht einmal 100'000 Einwohner – das ist die Hochburg der fanatischen Islamisten in Europa, ein Boxenstopp für Radikale und Kriminelle. Ein Portrait.

Veröffentlicht am 16.11.2015

Ihr Bezirk sei ein «Nährboden für Gewalt», sagt die Bürgermeisterin von Molenbeek, Francoise Scheepmans. Sie spricht von der hohen Arbeitslosigkeit in dem Brüsseler Stadtteil, von der Zusammenballung arabischer Einwandererfamilien, von der Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher, die Zuflucht finden im radikalen Islamismus.

Immer wieder führten in den vergangenen Jahren bei Anschlägen von Islamisten Spuren in das Viertel der belgischen Hauptstadt. Rund 90’000 Einwohner zählt Molenbeek, in einzelnen Gebieten sind sie zu 80 Prozent Moslems. Der einstige Industriebezirk ist so etwas wie die Operationsbasis für radikale Muslime geworden. Doch was unterscheidet Molenbeek von Hunderten ähnlicher Stadtbezirke in Europa?

Hohe Arbeitslosenquote

Der Stadtteil mit einer Arbeitslosenquote von 37 Prozent unter jungen Menschen ist nicht nur Heimat der militanten Islamisten unter den rund einer halben Million belgischen Moslems. Auch französische Islamisten tauchen dort unter, um Anschläge zu planen und vorzubereiten, bevor sie in Frankreich zuschlagen.

Experten sehen dafür vor allem drei Gründe: Erstens leiden die belgischen Sicherheitsbehörden unter der starken Dezentralisierung und den Spannungen zwischen den Französisch oder Flämisch sprechenden Landesteilen. Zweitens: Das Land stand lange Zeit offen für fundamentalistische Prediger aus den Golf-Staaten. Und drittens: Es gibt einen florierenden Schwarzmarkt für Schnellfeuergewehre, wie sie in Paris verwendet wurden.

Förderalismus schwächt Zusammenarbeit

«Belgien ist ein föderaler Staat, und das ist für Terroristen immer ein Vorteil», sagt Edwin Bakker vom Zentrum für Terrorismusforschung an der niederländischen Universität Leiden. Die vielen Verwaltungsebenen erschwerten den Informationsfluss zwischen den Ermittlern. In den Niederlanden etwa sei es viel schwerer, vom Radar der Behörden allein dadurch zu verschwinden, dass man sich nur zehn Kilometer weiterbewege.

Solche Lücken im Informationsfluss wiegen aus Bakkers Sicht besonders schwer, wenn sie nicht durch ergänzende Hinweise etwa aus der Bevölkerung geschlossen werden können. In einigen Teilen Brüssels gebe es sehr verschlossene Gebiete, die sich nicht als Teil Belgiens sähen und in denen die Polizei weder Wirkung entfalte noch Rückhalt geniesse. «Das bedeutet, dass Nachbarn vielleicht bemerkt haben könnten, dass etwas Verdächtiges vor sich geht, aber sie melden es nicht der Polizei», sagt Bakker.

Starker Einfluss von Salafisten

Nach Einschätzung von George Dallemagne von der Mitte-Rechts-Opposition im belgischen Parlament sind die gegenwärtigen Probleme auch durch falsche Weichenstellungen begründet. In den 70er Jahren habe das an Rohstoffen arme, aber hochindustrialisierte Belgien sich mit Saudi-Arabien gutstellen wollen und Moscheen für aus den Golf-Staaten kommende Prediger bereitgestellt. Diese hätten fundamentalistische Sichtweisen mitgebracht, die den meisten der belgischen Einwanderer aus Marokko fremd gewesen seien. Mit Blick auf Molenbeek sagt Dallemagne: «Der sehr starke Einfluss der Salafisten (...) ist eine der Besonderheiten, die Belgien heute ins Zentrum des Terrorismus in Europa rückt.»

Molenbeek ist nicht einzigartig in Belgien. In Antwerpen etwa wurden dieses Jahr Dutzende Mitglieder der Islamisten-Gruppe «sharia4belgium» verurteilt, weil sie zahlreiche Menschen für den Kampf in Syrien angeworben hatten. Aber Molenbeek taucht immer wieder auf, schon 2004 bei dem Zuganschlag von Madrid: Ein Marokkaner aus Molenbeek war unter denjenigen, die wegen der Planung des Anschlages verurteilt wurden.

Heimat der Fanatiker

In einem Zeitraum von wenig mehr als einem Jahr führten Spuren immer wieder in das Brüsseler Viertel: Im August 2014 schoss ein in Molenbeek lebender Franzose algerischer Herkunft vier Menschen im Jüdischen Museum in der belgischen Hauptstadt nieder. Im Januar dieses Jahres erschoss die belgische Polizei zwei Männer in Verviers und machte damit nach Darstellung der Behörden Pläne zunichte, einen Polizisten zu entführen und vor laufender Kamera zu enthaupten – viele Hinweise führten wiederum nach Molenbeek.

Auch im Zusammenhang mit dem Anschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» und einen jüdischen Supermarkt in Paris vermutet die Polizei, dass einer der Attentäter sich Waffen über Molenbeek verschaffte. Über diesen Weg gelangte nach Angaben der Staatsanwaltschaft auch der Marokkaner an Waffen, der im August im Zug von Brüssel nach Paris überwältigt wurde. Er hatte eine Kalaschnikow und fast 300 Schuss Munition bei sich.

Gewehr für 1000 Euro

«Für 500 bis 1000 Euro bekommt man eine militärische Waffe binnen einer halben Stunde», sagt Bilal Benyaich von der Brüsseler Denkfabrik Itinera Institute. Nils Duquet vom Flämischen Friedensinstitut macht dafür auch die bis 2006 eher laxen Waffengesetze mitverantwortlich. «Kriminelle waren es gewohnt, hierher zu kommen und ganz legal Waffen zu kaufen», sagt Duquet. «Und sie kamen weiterhin, auch nach 2006, weil sie die richtigen Verbindungen und Leute fanden, um an Waffen zu kommen.» Kalaschnikows kämen überwiegend als Überbleibsel des Jugoslawien-Krieges in 90er Jahren auf den Markt.

«Molenbeek ist ein Boxenstopp für Radikale und Kriminelle aller Art», sagt Benyaich vom Itinera Institute. «Es ist ein Ort, wo du verschwinden kannst.» Dallemagne fügt hinzu: «Terroristen werden in Frankreich radikalisiert, kämpfen in Syrien. Wenn sie zurückkommen, finden sie in Molenbeek die Logistik und die Netzwerke, die sie benötigen, um terroristische Anschläge zu verüben, sei es in Belgien oder im Ausland. Das ist wie ein Luftwaffenstützpunkt für Dschihadisten.» Und nach Paris sind es von Brüssel nur rund 300 Kilometer.

(reuters/ise)

Anzeige