Die amerikanische Verfassung schützt die Privatsphäre genau so wie das schweizerische Zivilgesetzbuch. Trotzdem scheint sie zusehends zur Chimäre zu verfallen – sodass plötzlich die Frage im Raum steht: Ist Privatsphäre überhaupt noch zeitgemäss?

Diese garantiert nämlich, dass ein Mensch in einem nicht öffentlichen Raum unbehelligt von äusseren Einflüssen sein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit wahrnehmen kann. Dass sich dieser Begriff im Laufe der Geschichte gewandelt hat, liegt auf der Hand.

Zwar wurde schon im antiken Rom über das Verhältnis von individuellem Wohl und Gemeinwohl diskutiert. Die Privatsphäre war jedoch höchstens einer kleinen Elite vorbehalten. Dass das Thema im Mittelalter absolut keine Bedeutung hatte, überrascht genauso wenig wie die Tatsache, dass unsere heutige Vorstellung von Privatsphäre mit dem Aufkommen von Humanismus und Liberalismus zusammenhängt.

Der Staat sollte die Bürger schützenund nicht ausspionieren

Mit dem Datenschutz, der eng mit der Privatsphäre verknüpft ist, steht die Idee im Zentrum, dass jeder Mensch selbst entscheiden kann, wem wann welche seiner persönlichen Daten zugänglich sein sollen. Dass ausgerechnet der Staat, der seine Bürger schützen sollte, dazu neigt, diese zu beobachten, ist nichts Neues.

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Schon im Zeitalter des Feudalismus, später im Faschismus und im Kommunismus stellte die herrschende Elite im Namen des Gemeinwohls individuelle Freiheitsrechte zurück. Mit seinen Enthüllungen im Jahr 2013 zeigte Edward Snowden, dass ein Staat nicht nur die eigenen Bürger ausspioniert, sondern auch jene anderer Staaten – auch das ist nichts Neues. Die bahnbrechende Innovation war vielmehr, dass der Staat nicht nur auf die eigenen Ressourcen zurückgriff. Der US-Abhördienst NSA zapfte die gewaltigen Datensammlungen von privaten Firmen wie Google an. Möglich ist dies, weil der gesamte Datenverkehr der Welt in die USA und nicht aus den USA geht. Jedes Foto, jeder Kommentar, jeder Link wird auf amerikanischem Boden abgespeichert.

Nur 5 Prozent der Daten über einen Nutzer gibt dieser selber preis. Die restlichen Informationen stammen von seinen Kontakten, die ihn taggen oder die ihr Adressbuch synchronisieren. Der User merkt dabei zu spät oder gar nicht, welche Daten gesammelt werden. Er erfährt es eigentlich erst dann, wenn es eine Sicherheitslücke gibt – und dann ist es bereits zu spät.

Das Bedenkliche an dieser Verknüpfung ist, dass dabei private Daten einer Regierung zur Verfügung gestellt werden. Und obwohl diese nur Gutes damit bezwecken mag, gibt es keine Garantie, dass die nächste Regierung die gleichen guten Absichten haben wird. Julian Assange definierte diesen Vorgang als «beispiellosen Reichtumsdiebstahl. Denn Wissen ist Macht.»

Paradoxerweise hat die NSA bewirkt, dass unsere Daten sicherer wurden. Die Snowden-Enthüllungen brachten börsenkotierte Firmen in die Öffentlichkeit. Eine denkbar schlechte Publicity. Die Betroffenen avisierten die Verantwortlichen ihrer Datenzentren, die Kommunikationen zu verschlüsseln. Für die Sicherheitsexperten der Tech-Firmen ist es mittlerweile zur Ehrensache geworden, ihre Plattformen vor Eingriffen zu sichern. Dies schützt uns vor den Hackern, die beim Amazon-Login oder im Starbucks-Wifi unsere Kreditkartendaten kopieren. Ohne Snowden hätten Unternehmen diese Lücken nicht so schnell korrigiert.

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Bewusstsein muss sich erst bilden wie beim Umweltschutz

Ein gesundes demokratisches Staatswesen sollte die Privatsphäre der Bürger sichern und die Transparenz sicherstellen. Dem war in letzter Zeit nicht immer so. Zwar ist das Bewusstsein der Konsumenten im Bereich Datenschutz noch zu wenig ausgeprägt. So liest kaum ein Nutzer die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des iTunes Store durch. Trotzdem: Snowdens Enthüllungen haben auch in den USA eine starke Diskussion entfacht – und diese wird nicht so schnell abflachen.

Privatsphäre ist kein absoluter Begriff, sondern in stetiger Entwicklung und im jeweiligen Kontext zu verstehen. Denn nicht jede Information über uns ist «privat». Das sieht man am eigenen Beispiel sehr gut. Was man der Ehefrau erzählt, ist nicht dasselbe, wie das, was man den Kindern, den Arbeits- oder Sportkollegen erzählt. Privatsphäre setzt eine Relation voraus. Und wenn man es genau betrachtet, geht es um ein einziges Prinzip: Kontrolle. Der Mensch will Kontrolle darüber, was er teilt und mit wem.

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Dabei fällt mir eine Parallele zum Thema Umweltschutz auf. Auch dieses Bewusstsein musste sich im Laufe der Zeit entwickeln und festigen. Analog dazu werden wir in den nächsten Jahren eine Datenschutz-Bewegung erleben. Oder mit den Worten von MeMe Jacobs Rasmussen, Chief Privacy Officer bei Adobe Systems: «If big data is the new oil, then privacy is the new green.»