Die politische Situation in den USA ist schon aufgeladen genug; der Wahlkampf auf dem Siedepunkt – genau in dieser Situation explodieren Bomben. Ein extrem sensibler Zeitpunkt.

Nur sieben Wochen vor der Präsidentenwahl bringen Sprengsätze in New York und New Jersey den Terrorismus mit Wucht zurück auf die Tagesordnung der USA. Ein Hauptverdächtiger wird rasch festgenommen, das ist ein grosser Erfolg für die Polizei.

Mehrere Bomben, mehrere Orte

Dennoch werden die Bomben Gift für den bereits aufgepeitschten Wahlkampf sein. Denn der Mann, der wegen der Explosion in New York und Sprengsätzen in New Jersey gesucht worden war, ist zwar US-Amerikaner – aber mit afghanischen Wurzeln.

Mitten in Manhattan ging am Samstag im trubeligen Stadtviertel Chelsea eine Bombe hoch. 29 Verletzte. Eine zweite Bombe detoniert nicht. Elf Stunden zuvor war in New Jersey in Seaside Park eine von drei miteinander verbundenen Rohrbomben in einer Mülltonne explodiert.

Dann wird in Elizabeth, ebenfalls New Jersey, ein Paket mit fünf Bomben entdeckt; beim Entschärfen in der Nacht zum Montag explodiert eine.

Anzeige

Kein internationaler Terrorismus

Am Sonntag, kurz vor dem Auftakt der UNO-Woche und ihrer Generalversammlung, waren offizielle Stellen mit einer Bewertung noch vorsichtig. Terror, ja schon – was wären Kugellager und Schrapnelle in einem Schnellkochtopf anderes.

Die befürchtete direkte Verbindung zum internationalen Terrorismus, die den Sprengsätzen eine andere Dimension gäbe, gibt es laut NBC-Informationen so nicht. Ermittler hätten das strikt verneint.

Kommt Trump zugute

Ob der Hauptverdächtige, 28 Jahre alt, ein Einzeltäter war, das muss geklärt werden. Nach einem Schusswechsel mit der Polizei, bei dem zwei Beamte verletzt wurden, kommt er ins Spital. Im Gang einer Bar hatten Passanten ihn schlafend entdeckt. Von einer Terrorzelle wollte am Montag zunächst niemand mehr sprechen, eher war die Rede von einem «einsamen Wolf».

Welche genauen Hintergründe diese Bomben auch immer haben mögen: Donald Trump kommen sie brutal zu pass. Der Republikaner spielt seit Monaten auf einer Klaviatur der Angst. Das Land sei im Innersten bedroht, weil die Regierung Obama und seine Konkurrentin Hillary Clinton Hunderttausende Fremde ins Land lassen wollten.

Clinton will keine Furcht

Das ist zwar sachlich falsch, ein Blick in Regierungs- und Wahlprogramme genügt. Aber die Bomben an der Ostküste waren Trump am Montagmorgen der erwartete Treibsatz: Er habe es ja gesagt, raunte Trump mit düsterer Stimme im Sender Fox, sicher erlebe Amerika in den kommenden Wochen noch mehr davon.

Später mahnte Clinton zur Ruhe, Amerika sei auf so etwas vorbereitet: Wachsamkeit Ja, Furcht Nein.

Dass US-Präsident Barack Obama eine Verbindung der Sprengsätze mit einer Messerattacke in Minnesota ausschloss, die der Islamische Staat für sich reklamiert hatte, dürfte viele erleichtern.

Anzeige

Viel Glück

Die Bomben in New York ähnelten in der Bauart den Sprengsätzen des Boston Marathons, sagen die Behörden, sollten maximalen Schaden anrichten. «Wir haben solches Glück, dass niemand ums Leben kam», sagt New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio.

Auch dass bei den Explosionen in New Jersey niemand verletzt wurde, nur Sprengroboter während ihrer hilfreichen Tätigkeit beschädigt wurden, scheint pures Glück.

Schneller Fahndungserfolg

Um 10.30 Uhr Ortszeit fasst die Polizei den 28-jährigen Verdächtigen, gut sechs Kilometer von Elizabeth entfernt. Er soll angeblich eine Verbindung zu fünf Insassen eines Wagens haben, den die Polizei in der Nacht zum Montag nahe der Verrazano-Brücke stoppte. Der «New York Times» zufolge sind fast alle Mitglieder seiner Familie, eventuell waren sie auf dem Weg zum Flughafen. Das FBI ermittelt.

Anzeige

Währenddessen steht Bürgermeister J. Christian Bollwage im strömenden Regen seines Städtchens Elizabeth, New Jersey. Er bestätigt, dass in der Nähe des Bahnhofs ein Rucksack oder eine Tasche gefunden wurde, darin fünf Rohrbomben.

Zufall verhindert Schlimmes

Später wird das FBI mitteilen, dass Rahamis letzter bekannter Wohnort in Elizabeth war. Der Gesuchte soll auch der Mann sein, den Überwachungskameras in New York festgehalten haben.

Dass die Bombe in Elizabeth nicht unmittelbar am Bahnhof explodierte, scheint reiner Zufall. Bollwage sagt, zwei Männer hätten den Rucksack auf einem Abfalleimer entdeckt und ihn mitgenommen. Dann entdeckten sie aus ihrer wohl sehr schweren Last herausragende Drähte und alarmierten die Polizei.

Mehr Polizei

Nach New York, am Montagmorgen: Deutlich spürbar ist die verstärkte Polizeipräsenz in der Innenstadt zu Wochenbeginn. 1000 zusätzliche Polizisten und Truppen der Nationalgarde sollen den Bürgern ein Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Anzeige

Auf dem East River fahren die Boote von Polizei und Küstenwache im grauen Regen, Blaulichter blitzen. Teils schwer bewaffnet postieren sich Polizisten auf Plätzen und an Bahnhöfen, führen Spürhunde an der Leine.

New Yorker bleiben ruhig

Für viele der Millionen New Yorker, die sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen lassen, geht der Alltag nach dem Schock vom Wochenende weiter. Sogar die Tweets von Augenzeugen kurz nach der Explosion auf der 23rd Street in Chelsea drücken Gelassenheit aus. «Die Medien lassen es klingen wie 9/11. NICHT.», schreibt einer in Anspielung auf die Terroranschläge vom 11. September 2001.

Ein anderer meint nach all der Aufregung: «Wenn der Rest des Landes sich verdammt nochmal beruhigen könnte, würden wir das schätzen. Danke.»

(sda/jfr)