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Schock
Nach MH17-Absturz: Ein Land stürzt in tiefe Trauer

Auf Halbmast: Wie hier in Den Haag trauern Niederländer im ganzen Land um die Toten.   Keystone

Die Flaggen auf Halbmast, verzweifelte Angehörige am Flughafen in Schiphol, ein erschütterter König: Nach dem Flugzeugabsturz in der Ukraine trauern die Niederländer um die 189 Opfer aus ihrem Land.

Veröffentlicht am 18.07.2014

Blumen und Tränen in Amsterdam und Kuala Lumpur. Die Niederlande und Malaysia trauern um die Opfer von Flug MH017. Am Tag danach bekommen die Toten ein Gesicht. In der Abflughalle 3 am Amsterdamer Flughafen Schiphol liegen Blumen und Briefe. «Liebe Therese, wir fahren heute nach Costa Rica, auf den Spuren von dir und deiner Familie.», steht auf einer Karte geschrieben. «Ihr seid in diesem Jahr nach Malaysia gefahren? Unvorstellbar, traurig. Ruhe sanft, Gerrit!»

Draussen vor der Halle steht eine lange Reihe von Satellitenwagen von Medien aus aller Welt. Von hier aus war am Donnerstag um 12:15 Uhr die Boeing von Malaysia Airlines gestartet. Ziel Kuala Lumpur. Nur wenige Stunden später stürzte die Maschine über der Ostukraine ab. 298 Menschen starben, darunter 189 Niederländer.

Ein Land in Trauer

Mehre hundert Angehörige sind in einem Hotel beim Flughafen beieinander. Abgeschirmt von den Medien versuchen sie, das Unfassbare zu begreifen. Sie werden von Psychologen und Ärzten betreut und ständig über neueste Erkenntnisse auf dem Laufenden gehalten.

«Ich bin tief traurig über diese schreckliche Nachricht», erklärte König Willem-Alexander. «Unsere Gedanken sind bei den Familien, Freunden und Kollegen der Opfer und bei all denen, die noch nicht wissen, ob ihre Freunde an Bord waren.» Ministerpräsident Mark Rutte erklärte, er sei «zutiefst schockiert».

Die Menschen in dem Land trauern um Freunde, Nachbarn, Kollegen oder Mitschüler. Am Tag nach der Katastrophe von Flug MH17 bekommen die Opfer Gesichter. «Mein Nachbar sass in der Maschine», twittert eine junge Frau. "Er flog in sein Glück, wollte auf Bali bei seiner Freundin wohnen."

Freunde sahen Pass der Tochter im TV

Die Kleinstadt Naarden bei Amsterdam trauert um eine junge Mutter und ihre drei Kinder. «Es ist ein Alptraum», sagt Bürgermeisterin Joyce Sylvester. Freunde hatten auf TV-Bildern von der Unglücksstelle den Pass der 13-jährigen Tochter erkannt. Vor einem Haus einer Familie mit vier Kindern im südniederländischen Dorf Neerkant liegen Blumen, Teddybären und stellten Nachbarn Kerzen auf. Auch die 14-jährige Sherryl wird nicht zurückkehren. Das Mädchen hatte jeden Samstag in einem Supermarkt bei Amsterdam Obst und Gemüse verkauft und jeden Cent gespart.

Entsetzt reagierten Kollegen auf den Tod des international renommierten Aids-Forschers Joep Lange. Er wollte mit seiner Partnerin an der Welt-Aids-Konferenz in Melbourne teilnehmen. Auch die niederländische Politik trauert. Der sozialdemokratische Abgeordnete Willem Witteveen und seine Familie starben.

Trauer statt Wiedersehensfreude

Fassungslosigkeit herrscht ebenfalls am Zielort des Unglücksfluges in Kuala Lumpur. Unter den 44 Opfern aus Malaysia ist auch die Schwester von Noraini Mohd Noor. 30 Jahre lang lebte sie schon in der Schweiz.

Am Donnerstag sollte Flug MH017 die Frau in die Ferien nach Kuala Lumpur bringen. «Das wäre das erste Mal seit fünf Jahren gewesen, dass ich sie gesehen hätte», sagt Noraini Mohd Noor, die am Freitag zusammen mit anderen Angehörigen am Flughafen der malaysischen Hauptstadt eintraf. «Ich habe im Fernsehen die Nachrichten gesehen und bin sofort hergekommen, um mehr Informationen zu bekommen», schluchzt Siti Dina. Ihre Tochter, der Schwiegersohn und drei Enkel waren an Bord.

«Falls es verschwinden sollte, so sieht es aus»

In der Zeitung «Volkskrant» heisst es am Freitag: «Alles scheint darauf hinzudeuten, dass es die pro-russischen Rebellen waren.» Sollte sich das bestätigen, brächte dies den russischen Präsidenten Waldimir Putin «in Bedrängnis», schreibt das Blatt weiter, das eine «Welle der Trauer und der Verzweiflung» im Land ausmacht. Kürzer fasst es das «Algemeen Dagblad», das titelt: «Unter Schock».

Auch in sozialen Netzwerken zeigten sich die Niederländer erschüttert. «Das kann nicht wahr sein!», postete Alicia de Boer auf Facebook, als ihr klar wurde, dass ihr Freund Cor Pan offenbar in der Maschine sass. Der junge Mann hatte kurz vor dem Start ein Bild des Flugzeugs ins Netz gestellt, offenbar in Anspielung auf den spurlosen Verbleib des Flugs MH370 derselben Fluggesellschaft. Sein zu diesem Zeitpunkt wohl ironisch gemeinter Kommentar zu dem Flugzeug-Bild: «Falls es verschwinden sollte: So sieht es aus.»

In der Abflughalle in Amsterdam herrscht keine ausgelassene Ferienstimmung. Bedrückte Gesichter sieht man am Schalter von Malaysia Airlines. «Wir wollten eigentlich gestern fliegen», sagt eine Frau. «Doch der Tag passte nicht so gut.» Nun flog sie mit ihrer Familie am Freitag nach Kuala Lumpur – ihr Flug hat ebenfalls den Code MH17.

(sda/moh)

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