Seit letzten Freitag ist US-Präsident Donald Trump im Amt. Der neue Mann im Weissen Haus hat in seiner ersten Woche ununterbrochen für Schlagzeilen gesorgt. Viele seiner Entscheide waren kontrovers.

Es zeichnet sich ab, dass Trump seine Wahlkampfversprechen tatsächlich umsetzen will. Was zieht der Direktor der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer für eine Bilanz nach der ersten Woche Präsident Trump? handelszeitung.ch wollte von Martin Naville wissen, ob auch die Schweiz in die Schusslinie von Donald Trump geraten könnte.

Donald Trump hält mit seinen Entscheiden seit einer Woche die Welt im Atem. Haben Sie einen solchen Start im Amt erwartet?
Martin Naville*: Es war vorhersehbar: Er hat 36 Versprechen abgegeben, und hakt sie jetzt der Reihe nach ab. Dann kann er sagen, er habe alles gemacht, und die anderen seien schuld. Das ist die Strategie. Es ist wichtig, das alles nicht überzubewerten. Was er jetzt verkündet, kann er in den allerwenigsten Fällen wirklich alleine durchsetzen. Er positioniert sich so für  Verhandlungen, etwa mit dem Parlament und anderen Ländern. Er ist nicht der König. Man sollte Trump nicht zu wörtlich nehmen.

Die Schweiz hat letztes Jahr einen riesigen Handelsbilanzüberschuss mit den USA gehabt. Könnte sie deshalb ins Schussfeld von Trump geraten? Schliesslich hat er die Überschüsse von Mexiko und China kritisiert.
Der Aussenhandelsüberschuss ist in absoluten Zahlen nicht so riesig, viel kleiner als jene von Mexiko oder China. Und die Schweiz ist sehr stark investiert in den USA, wir sind der sechstgrösste Investor. Die Schweiz gehört zu den «Guten». Politisch ist die Schweiz zudem irrelevant. Es hat ja noch nie eine US-Firma wegen der tiefen Löhne die Produktion in die Schweiz verschoben. Die Schweiz steht überhaupt nicht im Regen.

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Trump liebäugelt mit einer Steueramnestie, damit das Geld, welche US-Konzerne im Ausland horten, zurück in die USA fliesst. Könnte das der Schweiz schaden?
Wenn er wirklich so eine Steueramnestie umsetzt, würde ein Teil des Gelds aus der Schweiz zurückfliessen. Ein paar Firmen würden sich wahrscheinlich aus der Schweiz zurückziehen. Aber wird reden hier im Konjunktiv: Zu sagen, ob diese Steuerreform zustande kommt, gleicht einem Blick in die Kristallkugel. Mein Rat ist wie bei allem, was Trump angeht: Da ist sehr viel heisse Luft dabei.

Sie haben gesagt, die Wahl von Trump sei kein Grund für Alarmismus. Bleiben Sie nach der ersten Woche bei dieser Einschätzung?
Ja, immer noch. Ich habe, glaube ich, klar gemacht, dass ich kein Fan bin von Donald Trump. Aber auf der anderen Seite ist Amerika das Land, wo die politische Macht stark geteilt wird zwischen der Exekutive, Legislative und Judikative. Bei Trump ist alles, was er verkündet, eine Art, Verhandlungen zu beginnen. Das ist keine gemachte Sache.

Wie sehen Sie die Chancen, dass die USA beispielsweise Zölle gegen Mexiko einführen?
Das werden sie in dieser Form nicht machen, denn die ersten, die darunter leiden würden, sind amerikanische Firmen: All diese Autofirmen beispielsweise, welche aus Kostengründen in Mexiko fertigen. Wörtlich sollte die Drohung nicht genommen werden. Das ist eine Verhandlungstaktik von Trump. Er wollte den mexikanischen Präsidenten einschüchtern, weil dieser seinen Besuch in Washington abgesagt hat. Diese Taktik ist unüblich, aber Trump ist halt unüblich.

Man spricht fast nur über die Gefahren von Donald Trump. Bietet seine Politik auch Chancen?
Es gibt immer Chancen. In den europäischen Medien wird er wie die Auferstehung des Teufels behandelt – das ist natürlich Unsinn. So schlimm ist der nicht. Er hat einen populistischen Wahlkampf gemacht, und will jetzt populistisch seine Versprechen erfüllen. Wenn man aber sein Kabinett ansieht, sind das sehr solide, gute Fachkräfte – etwa Aussenminister Rex Tillerson und Verteidigungsminister James Mattis. Sie werden ihm nicht nach dem Maul reden.

Dann könnte seine Wahl für die USA auch positiv sein?
Trump sagt selber immer: Alles ist verhandelbar. Es ist durchaus möglich, dass es wirklich einen Aufschwung in den USA geben wird, und vernünftige Investitionen in die Infrastruktur. Es könnte auch sein, dass seine protektionistischen Ankündigungen nur Ankündigungen bleiben. Er ist kein Dogmatiker, sondern ein Geschäftsmann. Aber er hat schon oft überrascht, im Guten wie im Schlechten. Wir müssen jetzt darauf warten, was kommt.

*Martin Naville ist CEO der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer AmCham in Zürich. Die Organisation setzt sich für die Wirtschaftsbeziehung zwischen der Schweiz und den USA ein. Naville, Jahrgang 1959, leitet die Handelskammer seit 2004.