Klammheimlich haben die USA ihre Regelung zum Öl-Exportverbot gelockert – so stark, dass amerikanische Rohstoffkonzerne das schwarze Gold nun erstmals wieder seit 40 Jahren zu exportieren beginnen. Seit Mitte der 1970er Jahre durften Ölkonzerne kein Rohöl ins Ausland verschiffen. Lediglich bearbeitete Produkte wie Benzin durften die Landesgrenzen verlassen.

Der Washingtoner Beschluss ist ein Zeichen der neuen Stärke der grössten Volkswirtschaft der Welt. Umstrittene Fördermethoden wie das Fracking haben den USA in den vergangenen Jahren einen regelrechten Ölboom beschert. Damit ist das Land auf dem Weg, der grösste Ölproduzent rund um den Globus zu werden. Der neue Trend setzt zudem klassische Fördernationen im Nahen Osten, aber auch Rohstoffkonzerne in Europa unter Druck. Die neue US-Regelung könnte die weltweite Fördermenge steigern – und gleichzeitig die Preise drücken. Viele Länder sehen sich deshalb bereits heute unter Zugzwang.

Zwei Ölfirmen dürfen ab August exportieren

In den USA ist der Export vorerst nur zwei Ölfirmen erlaubt. So sollen laut «Wall Street Journal» Pioneer Natural Resources und Enterprise Products Partners grünes Licht erhalten haben, die ultraleichte Ölsorte «Condensate» an ausländische Käufer verschiffen zu dürfen. Das Produkt dient der Herstellung von Kerosin, Benzin und Diesel. Die Ausfuhr soll bereits ab August möglich sein. Die exportierte Ölmenge wird aber vermutlich vorerst klein bleiben.

Mithilfe eines administrativen Kniffs umgeht Washington das Jahrzehnte geltende Öl-Exportverbot. Grundlage ist eine Neudefinition der exportiertfähigen Ölarten. Die US-Regierung klassifiziert «Condensate» jetzt als Treibstoff. Für die Herstellung brauche es eine minimale Verarbeitung von Rohöl, teilten die Behörden mit. Da es sich dabei nicht mehr um ein Rohprodukt handle, sei «Condensate» für den Export befähigt. Eine genaue Definition des ultraleichten Öls gibt die Regierung allerdings nicht. Das US-Handelsministerium liess in einer Mitteilung verlauten, dass es «keine Änderungen in der Exportpolitik von Rohöl» gab.

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«Ölembargo» liess Preise steigen

Das Exportverbot von Öl in den USA geht auf die 1970er-Jahre zurück. Anlässlich des Jom-Kippur-Krieges zwischen arabischen Staaten und Israel hatte die Organisation der ölexportierenden Länder (Opec) die Fördermenge gedrosselt. Damit wollte die Opec den Westen, der im Begriff war Israel zu unterstützen, unter Druck setzen. In der Folge vervierfachte sich der Ölpreis. 

Auch die USA waren betroffen. Als die Angst vor einem Öl-Engpass zu gross wurde, beschloss der Kongress, das eigene Öl im Land zu behalten. Der Beschluss löste an den globalen Rohstoffmärkten grosse Verzerrungen aus: Der Ölpreis in den USA war im Vergleich zum Rest der Welt deutlich tiefer. 

Fracking: Die umstrittene Methode sorgt für einen Boom

Verantwortlich für den aktuellen Ölboom in den USA sind neue Fördermethoden wie das Fracking. Die Methode revolutioniert den Weltmarkt, ist aber international höchst umstritten. Mit Hilfes eines Gemischs aus Wasser, Sand und teilweise hochgiftigen Chemikalien wird tief in der Erde liegendes Schiefergestein aufgebrochen und so Öl und Gas gewonnen. Die Technologie macht die Förderung von schwer zugänglichen Rohstoffen möglich. Umstritten ist die Methode insbesondere deshalb, weil die giftigen Chemikalien dabei das Grundwasser verschmutzen können.

Fracking führte in den USA bereits zu stark gesunkenen Energiekosten. Mit der Methode sind die USA auf der Überholspur: Experten erwarten, dass das Land in Bezug auf die Fördermenge Saudi-Arabien und Russland davon eilt. Laut einer Studie der Firma IHS, die eine Beratungsfunktion für die US-Energiebranche inne hat, dürfte das faktische Teilende des Exportverbots die US-Wirtschaft ankurbeln. Bis 2030 soll das dem Staat mehr als eine Billion Dollar zusätzliche Einnahmen bescheren. Zudem dürften die Benzinpreise sinken. 

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Karten werden neu gemischt

In Europa bereitet das Vorpreschen der Amerikaner schon jetzt Sorgen. Politiker befürchten, dass billigere Energie in den USA auf dem Alten Kontinent Jobs gefährdet. «Die USA betreiben eine Reindustrialisierung mit neuen Arbeitsplätzen», sagt Gerhard Roiss, Vorstandschef des Öl- und Wiener Gaskonzerns OMV, dem «Handelsblatt». Auch Georg Kapsch, Präsident der österreichischen Industriellenvereinigung, betonte gegenüber dem Wirtschaftsblatt den drohenden Verlust von Arbeitsplätzen in Europa. «Während in den USA die Investments mit hohem Energieverbrauch wachsen, stehen sie in Europa auf Halten», sagt er. 

Auf dem Spiel steht nicht zuletzt die Wettbewerbsfähigkeit Europas. Daher befürworten immer mehr Politiker die umstrittene Fracking-Methode – ungeachtet von Umweltsorgen. Sie sehen darin eine Chance, den USA die Stirn zu bieten. Sicher ist: Das Ende des Öl-Exportverbots in den USA wird die Karten auf dem globalen Ölmarkt neu mischen.