Woran fehlt es im Verständnis der Schweizer in Bezug auf Zuwanderung?
Gianni D'Amato*: Die Migrationsforschung hat sich bisher stark auf die Wahrnehmung der Zuwanderung beschränkt, bei der die Menschen kommen und mehrheitlich bleiben. Bisher wurde zu wenig beachtet,  dass es noch eine andere Form Migration gibt, eine zirkuläre, bei der die Einwanderer vergleichsweise kurz bleiben. In unserem Forschungsprojekt «On the move»  wollen wir darum diese Migrationsform in Bezug auf Hochqualifizierte untersuchen. Das Thema ist in der Schweiz eng verbunden mit der Personenfreizügigkeit.

Die Personenfreizügigkeit ist zentraler Gegenstand der aktuellen Debatte.
Genau, sie war vorher schon wichtig, aber seit dem Ja zur Zuwanderungsinitiative am 9. Februar ist sie der zentrale Gegenstand. Als man in den 90er-Jahren den Prozess der Personenfreizügigkeit eingeleitet hat, war die Idee, dass die Einwanderung von sogenannten kulturell nahestehenden Personen weniger Probleme in der Bevölkerung verursachen würden, als dies etwa bei Asylbewerbern aus Konfliktzonen vermutet wurde.

Das ist ja offenbar gescheitert.
Das ganze Einwanderungsprogramm aus den 1990er Jahren ist gescheitert, ja.

Durch das Votum gegen Masseneinwanderung stehen die bilateralen Verträge mit der EU in Frage. Welchen Weg sehen Sie, um mit dieser Situation umzugehen?
Ich persönlich sehe zwei Wege. Entweder wir finden intern einen Konsens, den wir dann mit der EU verhandeln. Dafür ist die Voraussetzung, dass das Interesse der EU am Schweizer Arbeitsmarkt gross genug ist. Die andere Variante wäre, dass wir die Bilateralen generell zur Disposition stellen, weil die Freizügigkeit sich davon letztlich nicht absetzen lässt. An diesem Punkt könnten wir die Bilateralen auch noch einmal zur Abstimmung stellen, wie es Bundespräsident Didier Burkhalter vorgeschlagen hat. Und wenn dagegen gestimmt wird, wissen wir zumindest, in welche Richtung wir gehen müssen. Das wäre eine Orientierung, bei der die Schweiz nicht mehr eingebunden ist in das europäische Rahmenwerk.

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Aber hätte das nicht fatale Folgen?
Das hätte natürlich enorme Folgen, nicht nur in Bezug auf den Arbeitsmarkt, auch in Bezug auf den Verkehr und Handel. Es wäre fatal,  ein Super-Gau, wenn die Schweiz die Bilateralen aufkündigt. Aber es stellt sich auch so die Frage, wie sich die Verhandlungen mit der EU entwickeln. Von Seiten der Europäischen Union wird zur Zeit hart gepokert und es ist nicht sicher, dass die Schweiz ihre Position durchsetzen kann. Die übliche Schweizer Taktik wäre jetzt, im Diskurs mit der EU neue Vorteile auszuhandeln.  Aber die Entwicklungen der letzten Jahren – zum Beispiel die Diskussionen um das Bankgeheimnis – haben gezeigt, dass die  Schweiz ihre früher starke Verhandlungsposition nicht als gegeben annehmen kann.

Aber letztendlich kann sich die Schweiz der Zuwanderung nur schwer entziehen, ähnlich den EU-Staaten. Darum ist doch eher die Frage, wie sie sie gestaltet.

Die Schweiz wollte nie Zuwanderung, aber sie wollte die bilateralen Verträge und musste mit ihnen die Zuwanderung akzeptieren. Zuwanderung war historisch stets ein schwieriges Thema, das  die Schweiz seit mehr als hundert Jahren polarisiert. Neuerdings kommen ja noch die Ängste vor dem zu raschen Wandel hinzu, und vor dem Konsum an Boden. Das heisst, grüne und klassische rechtspopulistische Themen verbinden sich, auch das hat zum Stimmungswandel beigetragen.

Was kann Ihr Projekt zur Debatte beitragen?
Es geht auch darum, der Öffentlichkeit die Konsequenzen bestimmter Entscheidungen bewusst zu machen. So gut wir das können, natürlich. Prognosen sind immer schwierig, aber in Teilbereichen lassen sich Voraussagen für die Zukunft treffen.

*Gianni D'Amato hält eine Professur für Migrationsforschung an der Université de Neuchâtel. Sein Forschungsprojekt «On the move. The Migration-Mobility Nexus» ist im Juni 2014 gestartet und wird vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) unterstützt.

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