Economiesuisse bedauert das bürgerliche Abseitsstehen in der Kampagne gegen die Abzocker-Initiative. Aus Sicht von Direktor Pascal Gentinetta musste der Verband das Debakel ausbaden, weil er sich ungewollt an vorderster Front wiederfand.

«Es war nicht unsere Absicht, das Rampenlicht zu suchen», sagte Gentinetta der Nachrichtenagentur sda. Aus seiner Sicht fand sich der Dachverband widerwillig in der Position des Goliath gegen David.

«Ich bedauere, dass die bürgerlichen Parteien weniger sichtbar waren als in früheren Abstimmungskampagnen. Durch ihre Absenz hat sich unsere Kampagne im Zentrum der Diskussionen wiedergefunden», sagte Gentinetta.

Der Dachverband habe nicht mehr gemacht als für gewöhnlich. «Wir haben dieselbe Arbeit geleistet wie bei anderen Abstimmungen», sagte Gentinetta. Die genaue Kostenrechnung der Kampagne werde zur Zeit erstellt. Budgetiert waren 5 bis 8 Millionen Franken.

FDP akzeptiert Kritik Gentinettas nicht

Die FDP akzeptiert Gentinettas Kritik nicht. «Wir waren die einzige bürgerliche Partei, deren Basis sich an den Kurs gehalten hat», schreibt die FDP. Die Delegierten hätten die Abzocker-Initiative zuvor haushoch verworfen. Zudem habe man als erste bürgerliche Partei kritisch auf die Verzichtserklärung von Daniel Vasella reagiert.

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Für die SVP sei die Abzocker-Initiative nicht die zentrale Abstimmungsvorlage gewesen. Nach Ansicht von SVP-Fraktionspräsident Adrian Amstutz (BE) muss jetzt vorab Economiesuisse die Lehren aus dem Abstimmungskampf ziehen: «Die Bodenhaftung ist zu wahren und die Sprache muss verständlich sein, so dass die Menschen die Botschaft auch verstehen.»

Gentinetta weigert sich indes, einzig Economiesuisse für das Debakel verantwortlich zu machen. Aus seiner Sicht gab es keine Opposition zwischen den KMU und grossen Firmen innerhalb des Verbandes. Er sieht die Wirtschaft weiterhin geeint. Wie nach jeder Abstimmung gelte es nun die eigene Arbeit zu analysieren.

Zaghafte Kritik aus den Reihen der Mitglieder

Die Niederlage vom Sonntag ist für Martin A. Senn, Vizedirektor des Baumeisterverbandes, kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen. «Die Wirtschaft muss in politischen Prozessen weiterhin für ihre Positionen kämpfen», sagte Senn. Das sei bei der anstehenden 1:12-Initiative nicht anders.

Allerdings sei die Kampagne auch verloren gegangen, weil der Wirtschaftsdachverband ein Imageproblem hat. Dies betrifft laut Senn nicht nur economiesuisse, sondern die Wirtschaft insgesamt.

Er fordert deshalb Anstrengungen, um die wichtige Rolle der Wirtschaft für die Gesellschaft wieder in den Vordergrund zu rücken. In der Pflicht sieht er vor allem grosse Firmen. «Einen Bäcker zu verteidigen, den die Menschen täglich aufsuchen, ist einfacher, als anonyme Firmen mit Milliardenumsätzen.»

Keine Besorgnis über angedrohte Austritte

Eine gewisse Zurückhaltung legt Jean-Francois Rime, Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbandes, an den Tag. Er glaubt nicht, dass während der Kampagne «gravierende» Fehler gemacht worden seien. Gleichwohl könne sich Economiesuisse offenen Fragen nicht verschliessen.

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Vergangene Woche hatte der Verband der Schweizer Uhrenindustrie FH bekannt gegeben, aus dem Wirtschaftsdachverband auszutreten. Hintergrund ist der Streit um den Schutz der Marke «Swiss Made». Nick Hayek, Chef von Swatch, kritisierte dabei auch die Abgehobenheit der Economiesuisse-Funktionäre und die Distanz zu den echten Problem des Werkplatzes Schweiz.

(tno/rcv/sda)