Am Donnerstag hatte Russland Korridore für die eingekesselten Rebellenviertel Aleppos angekündigt. Doch kaum jemand wagt es, sie zu nutzen. Die UNO verlangt am Freitag sichere Fluchtrouten unter UNO-Aufsicht, Deutschland ein Ende der Kämpfe und stattdessen Verhandlungen.

Wenn es um humanitäre Hilfe für die notleidende Bevölkerung gehe, seien UNO-Organisationen aufgrund ihrer Expertise am besten geeignet, erklärte der UNO-Sonderbeauftragte für Syrien, Staffan de Mistura, am Freitag in Genf zum Vorschlag aus Moskau. Vor allem müsse die Verantwortung für die Evakuierung der Stadt in den Händen der Vereinten Nationen liegen, forderte er. «Das ist unser Job.» Es müsse auch klar sein, dass sie tatsächlich geschützt und nicht aus der Luft oder vom Boden aus beschossen werden.

Nur eine Kriegsfinte

Angekündigt wurden von Russland drei Korridore, durch die Zivilisten aus der Stadt gelangen könnten. Alle sollten von russischen oder syrischen Soldaten kontrolliert werden. Einen vierten Korridor werde es zudem im Norden Aleppos geben. Dieser sei für Extremisten gedacht, die sich ergeben wollten. Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu hatte versprochen, wer Aleppo durch diese Korridore verlasse, werde Essen und medizinische Hilfe erhalten.

Seitens der syrischen Opposition war der Vorwurf laut geworden, die Regierung in Damaskus wolle sich mit Hilfe der Korridore militärische Vorteile beim Kampf um die Eroberung Aleppos verschaffen. Die Rebellen hätten daraufhin ihre Kontrollen verstärkt, um die Menschen an der Flucht zu hindern, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Nach Angaben der Organisation, deren Angaben nicht unabhängig überprüft werden können, gelang bisher kaum eingeschlossenen Bewohnern die Flucht.

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Die Uhr tickt in Aleppo

In den Rebellenvierteln wird die Lage mit jedem Tag kritischer. «Die Uhr tickt für die Bevölkerung von Aleppo», warnte De Mistura. Auch der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier sprach vor einer «furchtbaren humanitären Katastrophe». Hunderttausende Menschen sind in Aleppo von jeglicher Versorgung abgeschnitten.

«Wer wie das syrische Regime mit Flächenbombardements die Krise auslöst und gleichzeitig unabgesicherte Fluchtwege anbietet, treibt ein zynisches Spiel, stellt die Menschen vor eine erbarmungslose Wahl und versperrt letztlich auch jegliche Aussicht auf eine Wiederaufnahme der Genfer Gespräche», sagte Steinmeier.

Zurück an den Verhandlungstisch

Es sei nun «das Gebot der Stunde», militärische Zurückhaltung zu üben und humanitäre Hilfe zu den eingeschlossenen Menschen gelangen zu lassen, erklärte Steinmeier. «Wir brauchen ein Ende der Gewalt und die Rückkehr an den Verhandlungstisch». Auch bei den laufenden Gesprächen zwischen Washington und Moskau müsse es um eine Entschärfung der Lage in Aleppo gehen.

Kritik am Konzept von Fluchtkorridoren kam auch von Frankreich: Die Einwohner von Aleppo sollten Zugang zu Hilfsgütern nach internationalen humanitären Regeln erhalten und sicher in ihren Wohnungen bleiben können, erklärte das Aussenministerium in Paris. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) erklärte, alle Menschen, die sich dafür entschieden «in Ost-Aleppo zu bleiben», hätten Anspruch auf Schutz. Alle Konfliktparteien müssten Hilfsorganisationen Zugang gewähren.

Bald keine medizinische Versorgung mehr

Aleppo ist seit Monaten heftig umkämpft. Die syrische Armee hat den Belagerungsring um die einst grösste Stadt des Landes in den vergangenen Wochen immer enger geschlossen. Schätzungsweise mehr als 250'000 Zivilisten harren im eingekesselten Ostteil der Stadt aus und sind nach Angaben von Hilfsorganisationen von der Versorgung mit lebenswichtiger Nahrung und medizinischem Material abgeschnitten.

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Wenn die Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen nicht aufhörten, werde es im Osten Aleppos «bald keinerlei medizinische Versorgung mehr geben», schreiben die Ärzte ohne Grenzen.

(sda/cfr)