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Finanzkrise
Nun könnte die rechtspopulistische Welle abebben

Finanzkrise
Herbst 2008, das Ende von Lehman Brothers: Start eines Populismus-Zyklus?Quelle: Keystone

Die Finanzkrise von 2008 heizte den Rechtspopulismus an. Die Wirkung könnte nun verblassen.

Von Ralph Pöhner
am 02.04.2018

Donald Trump war im April 2008 damit beschäftigt, die letzten Teppichmuster seines neuen Hotels in Chicago abzusegnen und eine Golfanlage in Schottland gegen Heimatschützer durchzupauken. Er war in der Demokratischen Partei und fand Hillary Clinton «a very smart woman, very tough woman».

Womöglich begann in dieser historischen Stunde sein Aufstieg ins Weisse Haus. Aber keiner witterte etwas. Alles redete in jenem Frühling 2008 von Bear Stearns, denn in einer Hauruck-Aktion hatte die grosse Investmentbank durch JP Morgan gerettet werden müssen.

Die Finanzkrise, die nun anrollte und ein halbes Jahr später voll losbrach, veränderte die Weltpolitik; der Sturz von Lehman Brothers, das Subprime-Massaker, die nachfolgenden Immobilienkrisen in Südeuropa, die Euro-Krise: Es waren diese Schläge, die Donald Trump nach oben spülten, die das Brexit-Lager zum Sieg trieben, den Autoritären in Osteuropa in den Sattel halfen oder die Landung von AfD, Cinque Stelle oder Podemos vorbereiteten. Und vielleicht erklären sie sogar mit, weshalb die SVP in den jüngsten Wahlen in Bern oder in Zürich und Umgebung plötzlich Federn lassen musste.

Wie das? Weil Finanzkrisen den Populismus stärken. Aber nicht für ewig.

Finanzkrisen = Rezessionen

Das tönt plump, darum sagen wir es wissenschaftlicher: Es gibt offenbar eine Korrelation zwischen Bankenkrisen und populistischen Bewegungen. Zu dieser Erkenntnis kommen die Ökonomen Manuel Funke, Moritz Schularick und Christoph Trebesch, nachdem sie Wirtschaftskrisen seit 1870 ausgewertet haben – um sie ins Verhältnis zu setzen mit den Wahlen danach. Das Ergebnis nach gut 800 Wahlen in zwanzig Staaten war verblüffend zwiespältig. Normale Rezessionen und industrielle Rückschläge gingen ohne drastische Folgen für das demokratische System vorüber, mehr noch: Das Lager der Regierenden wurde oft gestärkt. Ganz anders bei Bank- und Finanzkrisen: Hier tauchten in der Folge kleinere Parteien auf, Extremisten bekamen Zulauf und bedrängten das Establishment. Wobei nicht etwa die Linke profitierte, sondern eher der rechte Teil des Politspektrums. «Im Schnitt steigerten Rechtsaussen-Parteien ihren Wähleranteil nach Finanzkrisen um 30 Prozent», so ein Fazit der Studie.

«Man würde erwarten, dass eine kapitalistische Krise der Linken nützt», sagt Christoph Trebesch, der am Kieler Institut für Weltwirtschaft lehrt. «Aber das Muster war anders, und zwar nicht nur in den bekannten Fällen der 1930er Jahre oder nach 2007. Auch nach regionalen Finanzkrisen wie in Skandinavien Anfang der 1990er Jahre profitierten vor allem rechte Kräfte.»

Regierung schuld an Finanzkrise?

Wie das? Die Ökonomen deuten ihre Zahlen mit Vorsicht. Vielleicht macht die Bevölkerung ihre Regierung stärker für Finanzkrisen verantwortlich als für Industriekrisen. Vielleicht empfindet sie Rezessionen eher als natürlich und irgendwie gottgewollt. Denkbar sei auch, dass all die Fallschirme für die Finanzindustrie enorm unpopulär sind. Und womöglich motten nach Bankenkrisen auch tiefere Schwelfeuer – zum Beispiel weil es eher zu giftigem Streit zwischen Schuldnern und Gläubigern kommt. Insgesamt jedenfalls entsteht ein Klima von Argwohn und Unsicherheit, das sich anders entlädt, als es Marx erwartet hätte. Zum Beispiel gegen Ausländer statt gegen Geldmagnaten.

Funke, Schularick und Trebesch hatten ihr Papier schon im Oktober 2015 veröffentlicht. Jetzt aber, nochmals drei Jahre später, ist eine andere Erkenntnis daraus aktuell: Der politische Drall der Finanzkrisen – so eine weitere Aussage – läuft nach etwa zehn Jahren aus. Die Lage normalisiert sich. Die Zahl der Parteien in den Parlamenten oder der Wähleranteil der Rechtsparteien erreicht wieder das Niveau vor der Krise.

Damit wird die Sache spannend: Immerhin könnte diese Erfahrung miterklären, weshalb Donald Trump 2016 über die Ziellinie kam, während Marine Le Pen und Geert Wilders im Jahr darauf überraschend klar scheiterten.

Für Christoph Trebesch, Manuel Funke – ebenfalls vom Weltwirtschaftsinstitut in Kiel – sowie Moritz Schularick von der Uni Bonn bot sich hier Stoff, um weiterzuforschen. In einem neuen Papier fokussierten sie auf die Ergebnisse rechtspopulistischer Bewegungen, das heisst: von Parteien, denen Identitätspolitik wichtig ist und die einen Graben zwischen Volk und Eliten betonen. Dabei warfen sie ein erstaunliches Licht auf die SVP. Die Ökonomen aus dem Norden stellten nun die reizvolle Idee in den Raum, dass sich der Aufstieg der Volkspartei nicht bloss mit EWR, EU und Christoph Blocher erklärt, sondern auch aus der Krise ab 1991. Denn siehe da: Bei den Nationalratswahlen danach legte die SVP um 3 Prozentpunkte zu, vier Jahre später kamen weitere 8 Prozent oben drauf.

Lehman auf schweizerisch

Zwar ist die 1990er-Misere vor allem als Immobilienkrise in Erinnerung. Aber mit dem Zusammenbruch der Spar- und Leihkasse Thun – dem ersten Bankensturm seit dem Weltkrieg –, mit dem kläglichen Ende der Volksbank, mit notleidenden Kantonalbanken erlebten die Zeitgenossen tatsächlich alle Gräuel einer Finanzkrise.

Nun behauptet keiner, dass sich die Stimmbürger so mustergültig ans Drehbuch halten. Auch Christoph Trebesch will aus den Mustern keine fixen Schemen ableiten. «Vielleicht sind die politischen Folgen nun dauerhafter», sagt er. Denn wenn er über Westeuropa hinaus blickt, sieht er: Noch nie waren so viele Populisten an der Macht. «Es scheint diesmal epidemischer zu sein.» Vermehrt können sich die neuen Bewegungen in den Regierungen etablieren. «Ich beginne zu zweifeln, ob wir diesmal zum Vor-Krisen-Status-quo zurückkehren», sagt Trebesch. «Vielleicht rutschen wir von einer populistischen Welle in eine populistische Ära.»

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