Unter Einfluss der europäischen Schuldenkrise hat am Freitagabend (Ortszeit) in Camp David bei Washington der G8-Gipfel der führenden Industriestaaten begonnen. US-Präsident Barack Obama begrüsste auf seinem Landsitz die Staats- und Regierungschefs aus sieben Ländern.

Nach dem betont lockeren Empfang - ausser Frankreichs neuem Staatschef François Hollande trug niemand eine Krawatte - standen beim Abendessen zunächst die Krisenherde Iran, Syrien und Nordkorea auf dem Menu.

Mit dabei waren die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, der britische Premier David Cameron, der italienische Ministerpräsident Mario Monti und der russische Regierungschef Dmitri Medwedew sowie die Regierungschefs Kanadas und Japans. Grosser Abwesender war der russische Präsident Wladimir Putin.

Der offizielle Gipfel beginnt am Samstag, wo es zunächst um die Eurokrise und Griechenland geht. Nach Camp David gereist sind auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy.

Obama und Hollande fordern Wachstumsagenda

Obama und Hollande, der vor dem G8-Auftakt im Weissen Haus empfangen worden war, hatten gemeinsam eine «starke Wachstumsagenda» gefordert. Beide seien sich einig, dass die Schuldenkrise in Europa «von aussergewöhnlicher Bedeutung für die Weltwirtschaft» sei, sagte Obama.

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Die Botschaft: Merkel soll sich grosszügiger zeigen, um Griechenland oder Spanien zu retten und ein Auseinanderbrechen der Währungsunion zu verhindern.

Den Forderungen schloss sich Russland an. Kanada und Italien unterstützen ebenfalls staatliche Impulse für die Wirtschaft, Japan hat wiederholt grosse Sorgen um Europa geäussert. Auch der britische Premier Cameron rief den Kontinent zum Handeln auf, wandte sich aber zugleich gegen die deutsch-französische Forderung nach Einführung einer Finanztransaktionssteuer.

Obama befürchtet einen Rückschlag für den Aufschwung in den USA, wenn Europa länger als Wachstumsmotor ausfällt und ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone internationale Turbulenzen auslöst. Der Demokrat steht im November zur Wiederwahl.

Merkel beharrt auf Sparprogramm

Merkel ist zwar zu gezielten Konjunkturimpulsen bereit, wehrt sich aber gegen ein grosses Wachstumspaket und gegen eine Lockerung des Sparkurses in der Eurozone.

Allerdings werden auch aus Brüssel die Rufe nach einer Streckung des Schuldenabbaus lauter. EU-Kommissionspräsident Barroso betonte, der Stabilitätspakt lasse eine «Anpassung» an die wirtschaftlichen Bedingungen zu.

Neue Initiative gegen Hunger

Weitere Themen beim Gipfel sind der Klimaschutz und der Kampf gegen den Hunger. Auf Initiative Obamas wird der Gipfel eine neue «Allianz für Nahrungssicherheit und Ernährung» verabschieden. Besonders sechs arme Staaten Afrikas sollen unterstützt werden. Das Ziel: 50 Millionen afrikanische Bauern aus der Armut zu hieven.

Die Initiative steht auch Konzernen offen. So hat der Basler Agrarkonzern Syngenta angekündigt, in Afrika in den nächsten zehn Jahren 500 Millionen Dollar zu investieren.

Hilfsorganisationen zeigten sich einverstanden mit Plänen, beklagen aber die langsam fliessende Hilfe der G8. Diese hatten 2009 im italienischen L'Aquila 22 Milliarden US-Dollar bis 2013 zugesagt. Davon sei bisher höchstens ein Viertel ausgezahlt.

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Afghanistan-Abzug

Zum G8-Abschluss geht es um den arabischen Frühling und über die Zukunft Afghanistans nach dem Abzug der internationalen Truppen 2014. Frankreichs Staatschef Hollande bekräftigte bereits bei Obama, dass Frankreich seine Truppen bereits in diesem Jahr abziehen wird - zwei Jahre früher als geplant.

Damit will Hollande eines seiner Wahlversprechen umsetzen. Zugleich betonte er, den Einsatz «auf andere Weise» weiter unterstützen zu wollen.

Afghanistan wird auch ein Schwerpunkt des NATO-Gipfels, der am Sonntag in Chicago startet. Am Freitag hatten dort bereits Tausende überwiegend friedlich demonstriert. Zum NATO-Treffen werden rund 60 Staats- und Regierungschefs erwartet. Auch Aussenminister Didier Burkhalter wird anreisen.

(vst/sda)