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Krise
Ökonomie der Flucht: So funktioniert gute Asylpolitik

Die ökonomische Betrachtungsweise ist in der Flüchtlingskrise ein Tabu. Zu Unrecht. Sie kann der Schlüssel zu guten Lösungen sein.

Von Simon Schmid und Seraina Gross
2015-09-09

Omar war keine 20 Jahre alt, als er in Chiasso Schweizer Boden betrat. Auf der Suche nach Schutz hatte es den Libyer 2009 hierhin verschlagen. Er versprach sich Schutz vor dem damaligen Staatschef Oberst Ghadhafi. Omar fand Unterschlupf – erst im Bundeszentrum, dann im Kantonalzentrum, später in einer Flüchtlings-WG im Kanton St. Gallen.

Warum genau ist er geflohen? Was geschähe bei einer Rückkehr? «Kompliziert» seien diese Fragen, sagt Omar. Er ist einer von 38'000 anerkannten Flüchtlingen in der Schweiz. 162 von ihnen stammen wie Omar aus Libyen. Aus einem Staat, der heute bloss noch auf dem Papier existiert.

16 Millionen Menschen sind auf der Flucht

16 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht – mehr als doppelt so viele sind Vertriebene im eigenen Land. Dies besagen Zahlen des Uno-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR). Es ist die grösste Flüchtlingswelle seit dem Zweiten Weltkrieg. Allein der Bürgerkrieg in Syrien hat jeden fünften Bewohner zur Emigration veranlasst.

Ein Teil von ihnen hat sich diesen Sommer auf den Weg nach Europa gemacht. Man kann diesen Migrationsstrom so hinnehmen, wie es Europa aktuell tut: Als plötzlichen Exodus einer Masse von Vertriebenen. Oder man kann ihn entlang ökonomischer Kategorien analysieren. So, wie es Migrationsforscher zunehmend tun. Der Vorteil davon ist ein besseres Verständnis.

Ein Aspekt erschliesst sich dann unmittelbar, sagt Roger Zetter, Flüchtlingsforscher von der Universtität Oxford: Man hätte im Vorfeld wissen müssen, was kommt. «Je länger Konflikte dauern, desto geringer erscheint die Chance, in der Heimat je wieder ein normales Leben zu führen», sagt Zetter. «Mehr Menschen sehen sich dann nach alternativen Lebensgrundlagen um.»

Der Flüchtende als Akteur

Die ökonomische Brille aufzusetzen, bedeutet, den Flüchtling als kalkulierendes Subjekt zu begreifen. Zugegeben: Die Perspektive hat etwas unbehagliches. Sie knüpft leicht fremdenfeindliche Diskurse an: Jeder Eritreer ein Wirtschaftsflüchtling, jeder Somalier ein Sozialschmarotzer. Doch die Gleichsetzung ist falsch, sagt Zetter. «Der Wohlfahrtstourismus für staatliche Leistungen ist kein Treiber von Flüchtlingsströmen.»

Flüchtlinge als rational Handelnde anzusehen, verhilft zu besserer Politik. Etwa beim Schlepperwesen. Menschenschmuggel ist illegal. Gleichzeitig befriedigt er eine Nachfrage, die oft legitim ist: Jene nach Einreise in Länder, die ihre Grenzen für Flüchtlinge geschlossen haben, obwohl sie Menschen in Not nicht in Bürgerkriegsländer zurückschicken.

Kriminalisierung der Fluchtwege schadet

Laut der EU-Kommission werden 75 Prozent der Asylgesuche aus Syrien, Irak und Eritrea anerkannt. Rationale Politik zu betreiben, heisst, sich einzugestehen, dass die Kriminalisierung der Fluchtwege letztlich mehr Schaden als Nutzen stiftet. Ist die Flucht an sich legitim, sollten dafür auch legale Wege existieren.

Die Kosten der Illegalität messen sich nicht nur in Euro. Sondern auch in Menschenleben. Allein im Mittelmeer sind dieses Jahr schon 2400 Flüchtlinge umgekommen. Die Schweiz hat das Botschaftsasyl, also die Möglichkeit, vor Ort einen Asylantrag zu stellen, vor ein paar Jahren abgeschafft. Das sei ein Fehler gewesen, sagt Etienne Piguet von der Universität Neuenburg.

Europa bewegt sich nur langsam

«Flüchten kostet», sagt Roger Zetter. Eine Binsenwahrheit. Sie geht in den Zielländern leicht ­vergessen. Im Grunde genommen würde sie nahelegen, vermehrt Flüchtlinge direkt aus den UNHCR-Lagern rund um Syrien aufzunehmen – in Jordanien, im Libanon, in der Türkei. Dort landen jene, die am meisten des Schutzes bedürfen. Alleinstehende Frauen mit Kindern, Kriegsversehrte.

Doch damit tut sich Europa schwer. Bis zuletzt wurde erst die Aufnahme von etwas über 20'000 Flüchtlingen versprochen. Weitere 20'000 Aufnahmen scheiterten am politischen Willen. Osteuropa blockt. Die Schweiz will im Rahmen eines solchen Resettlement immerhin 3'000 Syrer aufnehmen – verteilt über die nächsten drei Jahre. In Grossbritannien bedurfte es der Bilder von Aylan Kurdi, dem ertrunkenen Flüchtlingsjungen, um sich zu etwas höheren Kontingenten durchzuringen.

Flüchtlinge haben Präferenzen

Eine weitere Tatsache ist: Flüchtlinge haben Präferenzen. Abdullah Kurdi, Coiffeur aus Damaskus, Vater des 3-jährigen Aylan, wollte nach Kanada auswandern, wo seine Schwester lebt. Viele der ­syrischen Flüchtlinge wollen nicht nach Ungarn oder Österreich, sondern nach Deutschland. «Germany», rufen die Flüchtenden in die Mikrofone. Das Land sei gut zu ihnen, behandle sie korrekt, lässt sie vielleicht in Zukunft auch arbeiten.

Der Gedanke ist subjektiv rational. Doch die Wahl macht auch volkswirtschaftlich Sinn: Der deutsche Arbeitsmarkt brummt. Selbst Vertreter der deutschen Arbeitgeberverbände fordern an vorderster Stelle eine bessere Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Dennoch hadern Politiker, hadert die Gesellschaft mit pragmatischen Flüchtlingsgesetzen.

Beweglichkeit von Flüchtlingen fördern

Gesetze, die auch die wichtigste Erkenntnis aus der Forschung nicht berücksichtigen: Dass es für die meisten Flüchtenden grosses Leid bedeutet, sich von Hab und Gut zu trennen. Viele von ihnen wünschen sich nichts mehr als die Rückkehr in eine sichere Heimat.

Eine solche Rückkehr ist einfacher aus einer Position der Sicherheit. «Die Flucht ist nichts Eindimensionales», sagt Roger Zetter. Was er damit meint, ist, dass Menschen auf der Flucht selten bloss von A nach B reisen. Sondern, dass sie simultan verschiedene Strategien anwenden. In B eine Basis aufbauen, um sich Rückkehroptionen nach A zu ermöglichen. Ein Familienmitglied nach C zu schicken, um einen Weiterzugsort zu haben, falls die Basis in B zusammenbricht. Entscheidend ist das Netzwerk zwischen A, B und C. In der Wirklichkeit seien Mobilitätsmuster oft «zirkulär», so der Forscher.

Die vernünftige Folgerung daraus lautet: Fördere die Beweglichkeit von Flüchtlingen, damit sie diese in alle Richtungen nutzen können. Doch damit tut sich die Politik schwer. Sie neigt dazu, Asylsuchende einzig als Belastung zu betrachten. Das Resultat sind bürokratische Regelungen. Gesetze, die dazu führen, dass Perspektiven nicht genutzt werden können.

Politische Verteilung nur zweitbester Weg

Die deutsche Kanzlerin und der französische Präsident drängen nun darauf, Asylsuchende gleichmäs­siger auf die europäischen Länder zu verteilen. Politisch mag dies opportun sein. Europäische Solidarität lässt sich gut verkaufen. Ökonomisch handelt es sich um eine typische Second-Best-Lösung, also um den zweitbesten Weg. Warum den kurdischen Klempner nach Helsinki verfrachten, wenn er einen Cousin in Wuppertal hat, in dessen Pizzeria er sogar arbeiten kann?

«Wir sind das Pack», riefen deutsche Demons­tranten bei Merkels Besuch im Asylbewerberheim. Ein Ausdruck des Unbehagens gegenüber dem Fremden, gegenüber der Grosszügigkeit für den ungebetenen Gast. Wenn die Forschung etwas dazu beitragen kann, dann diese Erkenntnis: Bezahlte Arbeit ist der beste Integrationsmotor. Für Einheimische und auch für Flüchtlinge.

Eigenes Geld verdienen

«Arbeiten, eigenes Geld verdienen» sei jetzt auch seine oberste Priorität, sagt der libysche Flüchtling Omar, der inzwischen 26 Jahre alt ist.Doch das ist schneller gesagt als getan. Die Schweiz hat zur Abschreckung während Jahren Hürden aufgebaut, um die Arbeitsmarktintegration von Menschen im Asylprozess zu verhindern. Nur keine Pull-Faktoren schaffen, lautete die Devise.

Eine Haltung, die sich auch bei der Debatte um die Eri­treer zeigt: 2000 Franken Schweizer Sozialhilfe seien zu viel für jemanden, der aus einem Land mit einem Durchschnittslohn von 150 Franken komme, heisst es im konservativen Lager. Besser als Sozialhilfe wäre die Beschäftigung – wer nicht zurückgeschickt wird, soll wenigstens arbeiten dürfen.

Flüchtlinge zählen zum inländischen Potenzial

Vorläufig Aufgenommene sind die grösste Kategorie im Asylwesen. Es sind Asylbewerber, deren Gesuch zwar abgelehnt wurde, die aber nicht in ihre Heimat zurückgeschafft werden – weil die Reise nicht möglich oder nicht zumutbar ist. Bei ihnen wird eine Sonderabgabe von 10 Prozent des Einkommens fällig, sobald sie eine Stelle antreten. Zusammen mit der Quellenbesteuerung führt sie zu einer Reduktion des Einkommens um 20 Prozent. Arbeit muss attraktiv sein: Die Schweizer Asylpolitik trägt diesem Gesetz nicht vollständig Rechnung.

Der Preis, den sie dafür zahlt, ist hoch. Die Sozialhilfe ist ein grosser Kostenblock im Asylbereich. 2014 entschädigte der Bund die Kantone dafür mit 767 Millionen Franken. Noch höher ist der Preis, den Asylsuchende bezahlen. Die mangelnde Integration auf dem Arbeitsmarkt schmälert ein zweites Mal die Zukunftschancen. 84 Prozent aller Personen im Asylbereich sind sozialhilfeabhängig.

Arbeitsmarktpotenzial besser nutzen

Immerhin hat ein Umdenken eingesetzt. An dessen Anfang steht ausgerechnet die Masseneinwanderungsinitiative der SVP. Nach deren Annahme hat der Bundesrat Vorschläge gemacht, wie das inländische Arbeitsmarktpotenzial – zu diesem zählen auch anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene – besser genutzt werden kann. Ziel: Nächstes Jahr sollen 2000 Flüchtlinge mehr erwerbstätig sein als 2011.

Einen Schritt weiter geht Deutschland. Die Bundesagentur für Arbeit hat vor, die Qualifikationen von Asylsuchenden von Beginn an zu erfassen: Sprachkompetenz, Ausbildung, berufliche Erfahrung. «Was in den ersten Wochen nach der Ankunft passiert, ist entscheidend», sagt Holger Bonin, Arbeitsmarkt­forscher am Zentrum für europäische Wirtschafts­forschung.

Omar, der junge Mann aus Libyen, hat selbst erfahren, was es heisst, wenn sich Asylpolitik nicht daran ausrichtet. Während der sechs Jahre, die sein Verfahren dauerte, durfte er ab und zu Hilfsarbeiten auf dem Bau verrichten. Meist war er zum Nichtstun verdammt. Die Frage, wie sehr er in Libyen an Leib und Leben bedroht ist, wurde dabei mit jedem Tag weniger wichtig.

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