Mit Nervengas bestückte Raketen seien vor dem Morgengrauen in mehreren Vororten von Damaskus eingeschlagen, erklärten Regierungsgegner. Die syrische Opposition spricht von der Tötung von bis zu 1300 Menschen. Der prominente Oppositionelle George Sabra sprach von einem Wendepunkt. «Dieses Mal wollte das Regime die Menschen nicht einschüchtern, sondern auslöschen», sagte er in Istanbul. Eine unabhängige Bestätigung gab es zunächst nicht.

Die Armee von Präsident Baschar al-Assad bestritt den Einsatz von Giftgas. Deutschland, Grossbritannien und Frankreich forderten die UN-Inspektoren in Damaskus auf, die Anschuldigungen zu untersuchen. Saudi-Arabien verlangte eine Krisensitzung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen.

Rote Linie überschritten

US-Präsident Barack Obama hatte den Einsatz von Giftgas in der Vergangenheit als rote Linie bezeichnet und vor Konsequenzen gewarnt. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre es der schwerste Chemiewaffen-Angriff seit 1988, als der damalige irakische Staatschef Saddam Hussein Tausende Kurden in der Stadt Halabdscha mit Giftgas tötete.

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Die Kliniken im Osten von Damaskus meldeten mindestens 213 Tote, wie die Krankenschwester Bayan Baker von der Notfall-Sammelstelle Douma berichtete. «Unter den Opfern sind viele Frauen und Kinder», sagte sie. «Sie kamen mit geweiteten Pupillen, kalten Gliedmassen und Schaum im Mund hier an - die Ärzte sagen, dies seien die typischen Symptome von Nervengas-Opfern.» Eine Oppositionsgruppe in Damaskus berichtete, der Angriff habe gegen 03.00 Uhr morgens begonnen. «Eine riesige Zahl von Menschen war dem Gas ausgesetzt», erklärte die Organisation. Die Zahl der Toten sei beständig gestiegen. Die Menschen seien erstickt, da es mangels Medikamenten keine Möglichkeit gegeben habe, ihnen zu helfen.

Der Anführer der oppositionellen Nationalen Koalition, Ahmed Dscharba, beschuldigte die Truppen von Präsident Assad, ein Massaker verübt zu haben. Im Internet tauchten zahlreiche Amateur-Videos und Fotos auf. Ein Film, der angeblich im Viertel Kafr Batna aufgenommen wurde, zeigte ein Zimmer mit mehr als 90 Leichen, darunter viele Kinder sowie einige Frauen und ältere Männer. Die Haut der Toten wirkte kreidebleich, Verletzungen waren jedoch nicht zu sehen.

Bei vielen Toten handele es sich um Rettungskräfte, die den Opfern des Bombardements hätten helfen wollen und dann selbst vom Giftgas dahingerafft wurden, sagte ein Angehöriger der Rebelleneinheit Ahrar al-Scham im Bezirk Erbin östlich von Damaskus. «Wir haben Männer gefunden, die in Treppenhäusern oder Eingängen zusammengebrochen waren», sagte der Aufständische, der sich Abu Nidal nannte, der Nachrichtenagentur Reuters über den Internetdienst Skype. Keiner der Rebellen habe einen Giftgas-Einsatz erwartet - besonders nicht mit den internationalen Chemiewaffen-Inspektoren in der Stadt.

Syrien soll grosse Mengen Senfgas, Sarin und VX besitzen

Auch Experten zeigten sich von Zeit und Ort des angeblichen Giftgas-Angriffs überrascht. Nur drei Tage zuvor waren die Chemiewaffen-Inspektoren in ein wenige Kilometer entferntes Hotel in Damaskus eingezogen. «Es wäre sehr seltsam, wenn die syrische Regierung ausgerechnet in dem Moment zu solchen Mitteln greifen würde, wenn die Beobachter im Land sind», sagte der ehemalige schwedische Diplomat Rolf Ekeus, der in den 90er Jahren ein Team von UN-Waffeninspektoren im Irak geleitet hatte. «Zumindest wäre es nicht sonderlich schlau.»

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Grossbritannien zeigte sich zutiefst besorgt und appellierte an die syrischen Behörden, die UN-Experten den Ort des Geschehens inspizieren zu lassen. Sollten sich die Anschuldigungen bestätigen, wäre dies eine «schockierende Eskalation», sagte Aussenminister William Hague. Grossbritannien werde den Vorfall zum Thema beim UN-Sicherheitsrat machen. Bundesaussenminister Guido Westerwelle nannte die Anschuldigungen alarmierend. Das Auswärtige Amt hat nach eigenen Angaben jedoch keine eigenen Erkenntnisse zu den Giftgas-Vorwürfen.

Syrien zählt zu den wenigen Ländern, die den internationalen Vertrag zum Verbot von Chemiewaffen nicht unterzeichnet haben. Der Westen geht davon aus, dass das Land über grosse Lager von Senfgas, Sarin und VX-Nervengas verfügt und Assads Truppen bei Angriffen in der Vergangenheit kleine Mengen Sarin einsetzten. Frühere Giftgas-Vorwürfe bestritt die syrische Regierung jedoch und konterte sie mit der Aussage, es seien die Rebellen, die chemische Kampfstoffe einsetzten. Der Westen geht jedoch nicht davon aus, dass die Aufständischen Zugriff auf Chemiewaffen haben.

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(chb/vst/reuters)