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Sicherheit
Olympische Spiele neben dem Pulverfass

Schwerbewaffnete Sicherheitskräfte in Sotschi: Die Angst vor Anschlägen ist real.  Keystone

Im Hinterland von Sotschi liegt das Krisengebiet Nordkaukasus. Die Region hat kaum vom Olympiaboom profitiert. Experten sehen darum eine reale Gefahr von Terroranschlägen während der Spiele.

Von Gabriel Knupfer
am 06.02.2014

Am Freitag ist es soweit. In Sotschi werden die Olympischen Spiele eröffnet. Der Ort ist ideal als Aushängeschild für das moderne Russland. Denn die umliegende Region Krasnodar zählt wirtschaftlich zu den am stärksten entwickelten im Land. Direkt an die «Riviera Russlands» grenzt aber das Krisengebiet Nordkaukasus. Jahrzehntelange Unterdrückung der Bevölkerung und deren Kultur und der Vormarsch des salafistischen Islams ergeben eine explosive Mischung.

Sotschi gleicht deshalb in den nächsten zwei Wochen einer Festung. Mehr als 50'000 Einsatzkräfte von Militär, Polizei und Geheimdienst sorgen für Sicherheit und einen reibungslosen Ablauf der Spiele des Wladimir Putin. Um die Olympiastadt wurde eine Verbotszone von mehreren hundert Quadratkilometern errichtet, in die kein Fahrzeug mehr vorgelassen wird, das nicht in Sotschi gemeldet oder für die Spiele registriert ist.

Junger Diktator in Tschetschenien

Vom Olympia-Boom spürt das Hinterland wenig. Und auch vom natürlichen Reichtum des Nordkaukasus hat die Bevölkerung nur wenig. Trotz milliardenschweren Entwicklungsprojekten gehören die autonomen Republiken im Nordkaukasus zu den ärmsten in Russland.

Der bekannteste Fall ist Tschetschenien mit dem jungen Diktator Ramsan Kadyrow. Immer umgeben von seiner schwarzgekleideten Elitegarde, den sogenannten Kadyrowski, soll sich der 37-Jährige auch schon persönlich an Folterungen von vermeintlichen Terroristen beteiligt haben. Die Erdöleinnahmen seiner Republik flossen nicht nur in den Wiederaufbau, sondern zu grossen Teilen in Prestigebauten in der Hauptstadt Grosny – und in die Taschen des Diktators und seines Umfeldes. In Grosny steht seit 2008 die grösste Moschee Russlands. Von Putin hat Kadyrow indes nichts zu befürchten – solange er Moskau die Treue hält.

Kaum ausländische Investoren

Für Marc Buser, Russland-Experte von Switzerland Global Enterprise, sind Investitionen im Nordkaukasus riskant. In 12 Jahren als Berater hatte er kaum eine konkrete Anfrage für dieses Gebiet. Bei der Schweizerischen Exportrisikoversicherung SERV hat man im Moment ebenfalls keine laufenden Geschäfte im Nordkaukasus.

Laut Sonja Kohler Müller von der Exportrisikoversicherung ist man Anfragen bezüglich Russland gegenüber grundsätzlich offen. Das Land werde in der Länderkategorie 3 eingestuft (Sakla von 0 bis 7, wobei 7 für das höchste Risiko steht). Bei einer konkreten Anfrage würde man aber die lokale Sicherheitslage in der betroffenen Region genau abklären. «Wir betrachten die Geschäfte punktuell, wobei sowohl das politische Risiko, als auch das Geschäft selbst und der Käufer analysiert werden.»

Im Teufelskreis der Gewalt

In den autonomen Republiken des Nordkaukasus kämpfen islamistische Extremisten für ein Kalifat. Seit die russische Seite den Zweiten Tschetschenienkrieg 2009 für beendet erklärt hat, schwelt die Gewalt auf einem geringeren Level in Form von Terroranschlägen der Islamisten und Übergriffen durch die Sicherheitskräfte weiter.

Während sich die politische und ökonomische Situation in der Tschetschenischen Republik trotz Misswirtschaft und Korruption in den letzten Jahren stark verbessert hat, verlagerten sich die Gewalttaten zunehmend nach Dagestan, Inguschetien und Nordossetien.

Reale Gefahr für Olympia

In der Vergangenheit gelang es den Extremisten auch immer wieder Anschläge ausserhalb des Nordkaukasus zu verüben. Erst im Dezember wurden bei zwei Attentaten im 700 Kilometer von Sotschi entfernten Wolgograd 34 Menschen getötet. Zu den Anschlägen bekannten sich islamistische Extremisten aus der Unruherepublik Dagestan. Deren Anführer Doku Umarow hatte bereits im letzten Sommer dazu aufgerufen, die Spiele «mit allen Mitteln zu verhindern».

Gegenüber der Deutschen Welle sagte Jekaterina Sokirjanskaja von der International Crisis Group, dass die Gefahr von terroristischen Anschlägen während der Spiele absolut real sei. Dessen bewusst sind sich auch die USA: Sie haben zum Schutz ihrer Athleten zwei Kriegsschiffe ins Schwarze Meer entsandt.

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