1. Home
  2. Politik
  3. Paris macht es vor: Auf Brüssel wartet die Angst

Terror
Paris macht es vor: Auf Brüssel wartet die Angst

Seit den Anschlägen ist Paris gelähmt, die Bevölkerung sucht Sicherheit und gibt Hollande einen Blankoscheck. Dieses Schicksal steht wohl auch Brüssel bevor.

Von Marc Iseli
am 22.03.2016

Drei Explosionen, über 30 Tote: Wohl zwei Selbstmordattentäter haben in Brüssel ein Blutbad angerichtet. Es handelt sich um die vierttödlichste Attacke in der Geschichte des islamistischen Terrors in Europa. Tödlicher waren nur die Anschläge in Paris 2015, in London 2005 und in Madrid 2004.

Belgien wird noch lange mit den wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Folgen der Ereignisse zu kämpfen haben. Exemplarisch dafür stehen die Anschläge von Paris. Die Stadt der Liebe ist eigentlich die meistbesuchte Stadt der Welt. Seit letztem November regiert aber Angst und Unsicherheit, die französische Légèreté ist verflogen.

Touristen bleiben aus

Hotels und Restaurants verzeichnen markant weniger Besucher. Mit einem Rückgang des Tourismus um je rund 20 Prozent in den zwei letzten Monaten des Jahres 2015 hat François Navarro, der Tourismusdirektor der Region Paris, die direkten Folgen der Terroranschläge beziffert.

Bei den Sehenswürdigkeiten zeigt sich das Loch direkt in der Bilanz. 11 Prozent weniger Touristen besuchten 2015 das Centre Pompidou. Das Minus beim weltberühmten Museum Louvre liegt bei 6 Prozent. Und sogar das Pariser Wahrzeichen, der Eiffelturm, zählte per Ende Jahr rund 3 Prozent weniger Besucher.

Konjunktur zeigt Schwäche

Der Rückgang des Tourismus bremste denn auch die konjunkturelle Erholung Frankreichs aus. Im letzten Quartal 2015 wuchs die Wirtschaft landesweit nur noch um 0,2 Prozent, die Zahl der jungen Arbeitslosen verharrte auf hohem Niveau.

Im dritten Quartal war die zweitgrösste Volkswirtschaft der Eurozone noch um 0,3 Prozent gewachsen. Neben den ausbleibenden Touristen litt das Land vor allem unter rückläufigen Konsumausgaben. Die Franzosen blieben eher zu Hause, mieden Restaurants. Der private Konsum, in der Regel eine wichtige Stütze der Konjunktur, brach um ein halbes Prozent ein.

Frankreich im Ausnahmezustand

Zu den wirtschaftlichen Folgen gesellen sich die politischen Konsequenzen. Seit den Terroranschlägen ist das Land im Ausnahmezustand. Die französische Nationalversammlung beschloss im Februar mit grosser Mehrheit eine Fortsetzung der Notmassnahme um weitere drei Monate bis Ende Mai.

Dabei bleibt es aber nicht: Die Regierung um François Hollande will das Ausnahmerecht zum Dauerzustand machen. Durchsuchungen ohne richterliche Genehmigung, Hausarrest für mutmassliche Gefährder und willkürliche Versammlungsverbote – das alles soll Normalität werden.

Amnesty schlägt Alarm

Menschenrechtsorganisationen schlagen Alarm. Amnesty International sieht die Freiheitsrechte in Gefahr. Nach den Pariser Anschlägen wurden über 3000 Hausdurchsuchungen durchgeführt worden. Mehr als 400 Mal verhängten die Behörden Hausarrest. Aber nur in fünf Fällen hat dies ein Ermittlungsverfahren nach sich gezogen, warnt Amnesty.

Das französische Volk freilich applaudiert. «Die Angst vor neuerlichen Anschlägen ist grösser als die Angst, dass das Anti-Terror-Arsenal eines Tages einer Regierung in die Hände fallen könnte, die weniger demokratisch gesinnt ist als die derzeitige», bilanzierte Frankreich-Experte Axel Veiel jüngst in der «NZZ am Sonntag».

Das Volk im Wahn

Die Angst treibt auch kuriose Blüten. Noch nie waren Sicherheitskräfte beliebter in Frankreich. Die Armee zählt mittlerweile rund eine halbe Million Facebook-Fans. Vor einem Jahr waren es nur knapp 100'000. Die Zahlen der Bewerber beim Militär sind sprunghaft angestiegen: von 120'000 auf 170'000. Und auch die Polizei meldet Rekordzahlen bei den Bewerbungen.

Das zeugt von einem starken Bedürfnis nach Sicherheit. Diesem Verlangen sind die Franzosen bereit, vieles zu opfern. «Was immer nach Festigkeit gegenüber dem terroristischen Feind aussieht, ist willkommen», so der Frankreich-Experte Veiel. Oder um es mit den Worten von Martine Aubry, der ehemaligen Arbeitsministerin Frankreichs, zu sagen: «Man könnte die Franzosen fragen, ob man Terroristen foltern darf, sie würden Ja sagen.»

Anzeige