Gut eine Woche vor der Bundestagswahl liegen Regierung und Opposition in Umfragen Kopf-an-Kopf. Während in dem am Freitag veröffentlichten ZDF-Politbarometer Union und FDP einen Prozentpunkt vor SPD, Grünen und Linkspartei liegen, kommt der ARD-Deutschlandtrend zum umgekehrten Ergebnis: Dort führt Rot-Rot-Grün mit einem Punkt vor Schwarz-Gelb. In beiden Umfragen schneidet eine grosse Koalition als beliebtestes Bündnis nach der Wahl ab.

Aufregung um Peer Steinbrück

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück konnte den Rückstand in den Popularitätswerten zu Bundeskanzlerin Angela Merkel nach den TV-Auftritten leicht verringern. Allerdings sorgte ein «Stinkefinger»-Foto Steinbrücks für neue Aufregung.

Im ZDF-Politbarometer kommen Union und FDP zusammen auf 46 Prozent. Dabei büsst die Union zur Vorwoche einen Punkt auf 40 Prozent ein, die FDP verharrt bei sechs Prozent. Auch für die SPD würden unverändert 26 Prozent stimmen, wenn schon am Sonntag gewählt würde. Die Grünen konnten ihren Abwärtstrend aus den vorigen Wochen offenbar stoppen und legten einen Punkt auf elf Prozent zu. Die Linkspartei bleibt bei acht Prozent.

Auch im ARD-Deutschlandtrend verlieren CDU/CSU im Vergleich zur Vorwoche einen Punkt auf 40 Prozent. Die FDP stagniert bei fünf Prozent. Dagegen kann die SPD um einen Punkt zulegen auf 28 Prozent, während Grüne und Linkspartei bei zehn beziehungsweise acht Prozent verharren.

Grosse Unterschiede gibt es in beiden Umfragen bei der AfD. Während im Politbarometer die euro-kritische Partei einen Punkt auf vier Prozent gewinnt, gibt sie im Deutschlandtrend um einen halben Punkt auf 2,5 Prozent nach.

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Beide Umfragen stimmen in der positiven Bewertung einer grossen Koalition überein. In der Umfrage für die ARD erklären 47 Prozent der Befragten, ein derartiges Bündnis sei gut für Deutschland. Auf eine Zustimmung von 41 Prozent kommt eine rot-grüne Koalition und die amtierende schwarz-gelbe Variante finden 38 Prozent gut. Im Politbarometer spricht sich jeder Zweite für ein Bündnis von Union und SPD aus. Auch hier liegt Rot-Grün mit 47 Prozent vor Schwarz-Gelb mit 35 Prozent.

Steinbrück sorgt mit «Stinkefinger»-Foto für Wirbel

SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück, der in den vergangenen Wochen bei den Beliebtheitswerten stetig den Abstand zur Amtsinhaberin etwas verringern konnte, sorgte mit einem «Stinkefinger»-Foto auch in den eigenen Reihen für Stirnrunzeln. Der Sprecher der SPD-Linken, Ralf Stegner, warnte auf Handelsblatt Online vor Interviews und Fotos, die die Kampfkraft behinderten. Der SPD-Spitzenkandidat für die bayerische Landtagswahl, Christian Ude, sprach im Sender N24 von einer «risikofreudigen Geste». Auch der grüne Wunschpartner distanzierte sich. «Meine Form wäre das nicht», sagte Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt im MDR.

Steinbrück verteidigte das von ihm persönlich autorisierte Foto, das in der Interview-Reihe «Sagen Sie jetzt nichts» im «SZ Magazin» erschienen war. Darin werden immer nur Bilder statt Worte als Antwort gedruckt. Die gestellte Frage habe seinen Namen in den Kaokao gezogen, erklärte Steinbrück. «Und ich finde, wir sollten alle den Humor auch haben in einem Wahlkampf. Diejenige, die ihn nicht haben, sollen in den Keller gehen und lachen.»

Die CDU kritisierte Steinbrück dennoch wegen des Titelfotos auf dem «SZ Magazin» scharf, auf dem der Kanzlerkandidat mit ausgestreckten Mittelfinger und empörter Miene zu sehen ist. «Die Bürger können sich nun erneut ein Bild von dem Kandidaten machen», sagte Unions-Fraktionschef Volker Kauder der «Welt». Der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach befand in der «Neuen Osnabrücker Zeitung»: «Wer sich kurz vor der Wahl so präsentiert, will doch gar nicht Kanzler werden.» Kanzlerin Angela Merkel lehnte bei einer Wahlkampfveranstaltung in Osnabrück einen Kommentar zu dem Stinkefinger-Foto ab.

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SPD nicht von Foto abgeschreckt

Forsa-Chef Manfred Güllner geht nicht davon aus, dass SPD-Wähler von dem Foto abgeschreckt werden. «Aber alle die, die Vorbehalte hatten gegen Steinbrück, sind ja wieder bestätigt worden, weil das Bild ja auch keine Sympathie ausstrahlt», sagte der Meinungsforscher Reuters-TV. Der Politikwissenschaftler Gero Neugebauer sagte Handelsblatt Online: «Für eine Wahlentscheidung ist die Geste schon deshalb bedeutungslos, weil sie keine Äusserung über einen konkreten politischen Sachverhalt oder einen politischen Wert an sich ist. Ausserdem: Wem Steinbrück sympathisch war, dem wird er dadurch nicht unsympathisch werden.»

Für das ZDF-Politbarometer befragte die Forschungsgruppe Wahlen 1298 Wahlberechtigte vom 10. bis 12. September. Für den ARD-Deutschlandtrend interviewte Infratest Dimap 1012 Bürger ebenfalls vom 10. bis zum 12. September.

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(reuters/tke)