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«Pauschale Verbote zu fordern, ist dumm»

Verkauf in der stationären Apotheke: Überholtes Modell? Keystone

Für Apotheker ist die Zeit gekommen, nach vorne zu schauen, schreibt Patrick Kessler. Die Branche bekämpft den Versandhandel mit Medikamenten - und stehe dabei aus fünf Gründen auf verlorenem Posten.

Von Patrick Kessler*
am 14.11.2016

Das Gerichtsurteil des Europäischen Gerichtshofs betreffend die Zulässigkeit von Rabatten auf rezeptpflichtige Medikamente hat bei den «stationären» Apothekern eine wahre Paranoia ausgelöst. «Der RX-Medikamentenversand muss verboten werden«, lautet nun die Devise im zivilisierten, digitalisierten und fortschrittlichen Deutschland.

Und in Österreich wird gar Kaiserin Maria Theresia bemüht. Bereits sie habe den Versandhandel mit Gesundheitsmitteln verboten: «Vom Hausirhandel seyen ausgeschlossen: Salben, Pflaster, überhaupt alle einfachen und zusammengesetzten Arzneyen für Menschen und Thiere; alle Gifte; alle Präparate aus Quecksilber, Spiessglanz und Blei; alle Knallpräparate; alle Mineralsäuren», heisst es in einem Gesetz aus dem 18. Jahrhundert.

Erstaunliche Argumente

Der digitale Mensch reibt sich bei so stichhaltigen Argumenten die Augen. Wäre die Vergangenheit relevant für heutige Gesetze, müssten im Kanton Graubünden Autos wieder verboten werden, wie es von 1900 bis 1925 der Fall war. In der amerikanischen Stadt Memphis müssten Männer zur Warnung von Fussgängern und anderen Autolenkern mit roten Fahnen vor Autos herlaufen, welche von Frauen gelenkt werden. Im Kanton Appenzell Innerrhoden dürften weiterhin nur Männer stimmen. Und verheiratete Frauen in der Schweiz müssten den Namen des Mannes führen.

Ich glaube, dass die Vergangenheit für ein Gesetz ein ganz schlechtes Argument ist, vor allem dann, wenn die Zukunft völlig anders aussieht. Wie wäre es, wenn sich die Herren und Damen Apotheker einmal um 180 Grad drehten und nach vorne schauten?

  • Telemedizin: Diese wird als echte Alternative propagiert, um die medizinische Erstversorgung in «unterversorgten« Gebieten sicherzustellen. Man kann also per Video Diagnosen stellen. Aber Medikamente gegen vorliegende Rezepte zu versenden, will man verbieten.
  • Sicherheit: Besuchen Sie, liebe Apothekerinnen und Apotheker, einmal eine echte Versandapotheke und schauen Sie sich die Sicherheitsmechanismen an! Sie werden sich als «Hausapotheker« warm anziehen müssen, um ein gleiches Mass an Sicherheit respektive die gleiche Fehlerlosigkeit erzielen zu können.
  • Chronische Erkrankungen: Für chronisch kranke Menschen gibt es kaum etwas Besseres als Medikamente im Versandhandel.
  • Zugang zur Versorgung: Ein guter und sicherer Versandhandel mit Medikamenten bedeutet eine Entlastung für Bewohner von «unterversorgten» Gebieten – und diese gibt es überall, in Deutschland und der Schweiz.

Und jetzt kommt ihr Totschlagargument – die Beratung. Das könne der Versandhändler nicht, sagen sie. Missbrauch könne der Versandhandel nicht erkennen. Ebensowenig die Fehler des Arztes. Ich bin vom Gegenteil überzeugt: Eine gute Versandapotheke macht dies gleich gut, wenn nicht sogar besser.

«Geben Sie sich einen Ruck»

Also: Geben Sie sich einen Ruck und schauen Sie nach vorne! Wäre es nicht allerhöchste Zeit, dass Sie den Prozess der Veränderung und der Digitalisierung aufnähmen, mitgestalteten und mitprofitierten? Die letzten zehn Jahre sollten auch Ihnen gezeigt haben, dass die Digitalisierung vor nichts und niemandem haltmacht.

Gesundheit ist das kostbarste Gut, damit muss vorsichtig umgegangen werden. Vielleicht braucht es deshalb die eine oder andere Ausnahme im Medikamentenversandhandel. Aber pauschale Verbote zu fordern, ist durchsichtig, dumm und dreist. Die Pferdefuhrhalter wollten das Auto verbieten. Ich bin froh, dass dies nicht gelungen ist.
Ich muss schon fast etwas stolz auf den Schweizer Gesetzgeber sein, dass er den Versand von rezeptpflichtigen Medikamenten erlaubt. Allerdings ist der Versand von rezeptfreien Medikamenten in der Schweiz nur gegen Rezept möglich.

*Patrick Kessler ist der Präsident des Schweizerischen Verbandes des Versandhandels (VSV).

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