Im Osten der Ukraine wird weiter gekämpft. Bei blutigen Gefechten zwischen Regierungseinheiten und prorussischen Separatisten sind erneut zahlreiche Menschen ums Leben gekommen. Im Raum Kramatorsk seien sechs Aufständische erschossen worden, teilte Armeesprecher Wladislaw Selesnjow am Dienstag mit.

In einer Klinik in Lugansk erlag ein russischer TV-Journalist seinen Verletzungen, wie Chefarzt Fjodor Soljanik sagte. Der 37-Jährige hatte sich an einer Strassensperre von Aufständischen aufgehalten, als eine Granate einschlug. Das Aussenministerium in Moskau forderte eine lückenlose Aufklärung. Im Mai waren ein italienischer Fotograf und sein russischer Übersetzer bei Gefechten zwischen Soldaten und Rebellen getötet worden.

200 Meter hohe Flamme

Am Rande der Kämpfe kam es zu einer Explosion an einer Pipeline für den Export von russischem Gas Richtung Westen. Augenzeugen in der Region Poltawa sprachen von einer rund 200 Meter hohen Flamme, die aus der auch als «Transsibirische Pipeline» bekannten Urengoj-Pomari-Uschgorod-Leitung geschossen sei.

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Der Leitungsbetreiber Uktransgaz betonte, die Lieferungen nach Europa seien nicht betroffen. Vor der Detonation sei es aus noch ungeklärten Gründen zu einem Druckabfall gekommen. Augenzeugen in der Region Poltawa sprachen von einer rund 200 Meter hohen Flamme, die aus dem Rohr geschossen sei. Der Feuerwehr zufolge gab es keine Verletzten. Der ukrainische Innenminister Arsen Awakow sagte aber, die Explosion werde als «möglicher Terrorakt» betrachtet. Details nannte er zunächst nicht.

Separatisten schiessen Kampfflugzeug ab

Das ukrainische Militär erlitt bei Gefechten ebenfalls Verluste. Im Gebiet Donezk seien mehr als 30 Angehörige der Regierungstruppen verletzt worden, sagte Armeesprecher Selesnjow. Die militanten Gruppen berichteten zudem vom Abschuss eines Kampfflugzeugs des Typs Suchoi Su-25. Der Pilot habe sich per Schleudersitz gerettet. Separatistensprecher Alexej Toporow sagte, die «Volkswehr» habe vor Lugansk mehrere Dutzend Panzerfahrzeuge mit Salven gestoppt.

Präsident Petro Poroschenko setzte als Schritt in seinem Friedensplan eine Sonderbeauftragte für die Krisenregionen Donezk und Lugansk ein. Irina Geraschtschenko solle den Dialog mit den Aufständischen vor allem in der selbst ernannten «Volksrepublik Donezk» suchen, die wie die «Volksrepublik Lugansk» nach Unabhängigkeit strebt. Geraschtschenko ist Parteigenossin des Ex-Boxers und Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko.

Keine direkten Gespräche mit Kiew

Die Separatisten erklärten sich grundsätzlich zu Gesprächen bereit, verlangten aber, dass Vermittler Russlands oder internationaler Organisationen hinzugezogen würden. Direkte Gespräche mit Kiew seien nicht mehr möglich, «weil die Regierung jeden Tag ihre Bürger in Slawjansk und anderen Städten tötet», sagte der von Kiew nicht anerkannte Donezker Vize-Regierungschef Andrej Purgin.

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Die Europäische Union überwies unterdessen 500 Millionen Euro an die Ukraine. Nach Angaben der EU-Kommission in Brüssel handelt es sich um eine Budgethilfe, über deren Verwendung die Regierung in Kiew frei entscheiden kann. Das Geld, das sich die EU auf dem Kapitalmarkt geliehen hat, gehört zum insgesamt 1,61 Milliarden Euro schweren EU-Hilfspaket. Schon vor knapp einem Monat war eine erste Tranche von 100 Millionen Euro überwiesen worden; eine Milliarde soll folgen.

Jazenjuk will billiges Gas aus dem Westen

Nach dem russischen Stopp der Gaslieferungen hat die ukrainische Regierung einen Krisenstab für die Energieversorgung gebildet. «Das Gremium soll vor allem unsere Ressourcen überwachen», sagte Regierungschef Arseni Jazenjuk am Dienstag in Kiew. Jazenjuk kündigte die Reise einer Regierungsdelegation in EU-Länder an, die dort die Lieferung von Gas aus dem Westen an die Ukraine sondieren soll. Damit solle künftig der «Grossteil des Bedarfs» der Ex-Sowjetrepublik gedeckt werden, sagte der Chef des ukrainischen Naftogaz-Konzerns, Andrej Kobolew.

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Nach seinen Angaben sind europäische Firmen bereit, der Ukraine das Gas «billig» zu verkaufen - zum Preis von 320 Dollar pro 1000 Kubikmeter. «Wir wollen spätestens im September die ersten Mengen durch slowakische Leitungen importieren.»

(sda/awp/gku)