Sie sind seit Mitte August Chef der Groupe Mutuel. Was haben Sie schon gemacht?
Thomas Boyer: Meine erste Priorität war die Prämienpolitik für 2020.

Das dürfte Ihnen leichtgefallen sein.
Richtig. Wir geben die tieferen Kosten in Form von tieferen Prämien an die Kunden weiter. Im Schnitt senken wir für 2020 unsere Prämien um 1,6 Prozent. Damit sind wir die Versicherung, bei der die Prämien am stärksten sinken.

Also waren Sie vorher zu teuer.
Nein. Die tieferen Kosten kamen überraschend. Ausserdem zahlen wir zusätzlich 100 Millionen Franken an unsere Kunden zurück. Aus überschüssigen Reserven.

Und wie sehen Sie das Unternehmen in ­einer längerfristigen Perspektive?
Vor rund dreissig Jahren hatte die Groupe Mutuel ungefähr 30'000 Kunden. Heute sind es 1,3 Millionen. Vor dreissig Jahren war die Groupe Mutuel eine reine Krankenkasse. Heute sind wir der grösste Versicherer mit Sitz in der Romandie. Wir bieten Haftpflicht, Hausrat, Lebensver­sicherungen an. Die ganze Palette – für Private wie für Firmenkunden. Was ich damit sagen will: Langfristig möchte ich die Erweiterung unserer Geschäftsfelder fortführen.

Im Gesundheitsbereich möchten Sie nicht mehr wachsen?
Doch, natürlich. Wir möchten uns von der Krankenkasse, die einfach Rechnungen bezahlt, zu einem Gesundheitspartner der Kunden entwickeln. Ich denke da zum Beispiel an die Prävention. Vorstellbar ist, dass wir aus den Daten zu unseren einzelnen Kunden – aus deren Krankheitsgeschichte, ihren Arztbesuchen und den konsumierten Medikamenten – gewisse Muster herauslesen und so zum Beispiel vorhersagen, wann eine Präventivuntersuchung angezeigt wäre. Das könnte enorm Kosten sparen. Und ich denke an Produktinnovation. Nehmen Sie die Primapharma-Grundversicherung, bei der wir mit 350 Apotheken zusammenarbeiten. Ausser in Notfällen geht der Kunde bei diesem Modell zuerst in die Apotheke und lässt sich beraten. Auf diese Weise spart er 14 Prozent Prämie.

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Thomas Boyer, 48, ist seit August dieses Jahres CEO der Groupe Mutuel. Zuvor arbeitete er bei der Mobiliar, wo er zuletzt den Bereich Vorsorge leitete.

Klingt interessant. Häufig behindert die Regulierung solche Neuerungen.
Das stimmt zum Teil. Der Gesetzgeber räumt uns auch die Freiheit ein, neue Versicherungsmodelle auszuprobieren und zu experimentieren. Das tun wir. Wir stellen uns nicht die Frage, weshalb wir etwas nicht können. Wir stellen uns die Frage, wie wir es können. Ich muss versuchen, die ­Politik auf meine Seite zu ziehen. Die Gesundheit ist unser höchstes Gut. Und das Schweizer Gesundheitssystem ist hervorragend. Es bietet gute Qualität und ist für alle zugänglich. Langfristig aber lässt es sich nicht mehr ­finanzieren, wie wir es heute tun.

Oder Reformen endlich umsetzen!
Da stimme ich zu. Die einheitliche Finanzierung von stationären und ambulanten Leistungen muss kommen. Die Medikamentenpreise müssen weiter sinken. Die Kassen sollten auch im Ausland gekaufte Medikamente vergüten dürfen. Und und und. Gesundheitsminister Alain Berset hat meiner Meinung nach verstanden, um was es geht. Wir müssen ihn unterstützen.

Wenn wir über Kostendämpfung reden, müssen wir über Spitäler reden. Diese sind der grösste Kostenblock.
Richtig. Wir müssen damit aufhören, die Spitalplanung allein den Kantonen zu überlassen. Nicht jeder Kanton kann alle Spe­zialitäten haben. Zürich vielleicht. Aber kleinere Kantone sicher nicht. Ändern wir hier nichts an den Zuständigkeiten, wird das System unfinanzierbar.

«Vor rund dreissig Jahren hatte die Groupe Mutuel ungefähr 30'000 Kunden. Heute sind es 1,3 Millionen.»

Die Kantone zu entmachten, ist Wunschdenken.
Vielleicht. Aber Politiker sind dazu da, gewisse Wünsche zu erfüllen. Oder etwa nicht? Im Ernst: Die Rolle des Bundes muss grösser werden, jene der Kantone kleiner.

Was wünschen Sie sich sonst noch von Alain Berset?
Nur etwas: Er soll weiter engagiert daran arbeiten, das Schweizer Gesundheits­system auf dem heutigen Niveau für die Zukunft zu erhalten. Und alle anderen Beteiligungen im Gesundheitssystem sollten ihn dabei unterstützen.

Wären Sie dafür, den Leistungskatalog der Grundversicherung auszumisten?
Der Katalog ist heute sehr breit.

Sehr breit oder zu breit?
Wahrscheinlich zu breit. Klar ist: Wenn wir eine neue Leistung aufnehmen, müssen wir eine andere streichen.

Oder wir werden alle wie Sie. Sie sind der Traum jedes Krankenkassenmanagers. Sie waren in 48 Lebensjahren noch nie in einem Spital.
Richtig. Ausser bei der Geburt.