In St. Gallen lösten Geothermie-Bohrungen am vergangenen Samstag ein Erdbeben der Stärke 3,6 aus. Nach der genauen Analyse der Ursache zeigt sich der zuständige Stadtrat Fredy Brunner nun pessimistisch. «Mit einer minimalen Stimulation wurde in einem lange Zeit stabilen Gestein eine maximale Wirkung in Form eines Erdbebens erzielt», sagt er im Interview mit der Zeitung «Ostschweiz am Sonntag». «Das heisst für uns: Wir haben eine neue Risiko-Situation.»

Geplant war, mit Hilfe von chemischer Stimulation des Gesteins heisses Wasser aus einer Tiefe von 4500 Meter fördern zu können. Auf die Bemerkung, sein Fazit stimme nun nicht gerade optimistisch für die Zukunft des Projekts, sagt der FDP-Politiker unverblümt: «Ich widerspreche nicht.»

Offenbar sind die Risiken für die Stadtregierung nicht mehr kalkulierbar: «Wir sind uns in unserer Welt gewöhnt, den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung einigermassen im Griff zu haben», sagt Brunner. «Hier aber müssen wir sagen: Die Wirkung der Stimulation des Gesteins beherrschen wir nicht. Den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung haben wir in diesem Fall nicht im Griff.»

Politiker wollen Geothermie-Projekte ins Ausland auslagern

Energiepolitiker stellen die Zukunft der Schweizer Geothermie immer mehr in Frage. Anstatt in riskante und teure Projekt im Inland zu investieren, sollen sich Energiekonzerne an Werken im Ausland beteiligen, wo die Voraussetzungen aus geologischen Gründen oftmals günstiger sind. «In der Geothermie ist es sinnvoll, europäischer zu denken», sagte Nationalrat Bastien Girod auf Anfrage der «Ostschweiz am Sonntag». «Da Bohrungen im Ausland teilweise weniger Risiken bergen, sollen die Produzenten ein stärkeres Engagement in Anlagen in Nachbarländern prüfen.»

Gleicher Meinung ist der freisinnige Nationalrat Christian Wasserfallen: «Es ist sicher eine Option, dass die Schweiz künftig den Geothermie-Strom aus dem Ausland bezieht.»

Um Schweizer Investitionen im Ausland zu fördern, will Girod staatliche Gelder zur Verfügung stellen: «Die Schweiz braucht eine Förderung für erneuerbare Energien aus dem Ausland.» Eine Möglichkeit sei, «Gelder aus der kostendeckenden Einspeisevergütung KEV künftig auch für ausländische Projekte zu sprechen.» Dabei sollen die Behörden einen deutlich reduzierten Tarif anwenden, da die Produktion im Ausland generell billiger sei und für die Schweiz weniger Wertschöpfung schaffe.

Eine zweite Möglichkeit wäre, «dass wir bei der geplanten Liberalisierung des Strommarkts für private Kunden festhalten, dass ein steigender Anteil des Konsums aus erneuerbaren Quellen stammen muss», sagt Bäumle  So könne der Bund verhindern, dass Dumpingangebote mit Kohle- oder Atomstrom den Anteil der erneuerbaren Energien senkten.

Steinmann: Energiewende steht und fällt nicht mit Geothermie

Auch der Direktor des Bundesamts für Energie, Walter Steinmann, äussert sich im Interview mit der «NZZ am Sonntag» erstmals zu dem Erdbeben. «Arbeiten im tiefen Untergrund heisst immer Arbeiten mit Unwägbarkeiten», sagt Steinmann. Das Risiko eines Erdbebens könne nie ausgeschlossen werden. «Die Stadt St. Gallen hat der Bevölkerung von Anfang an sehr vorbildlich kommuniziert, dass Geothermieprojekte mit technischen und finanziellen Risiken verbunden sind. Es gab aber plausible Gründe, von einem kleineren Erdbebenrisiko als in Basel auszugehen.»

Zum einen sei in St. Gallen ein anderes Verfahren angewendet worden, zum anderen gebe es in der Region St. Gallen nur wenige historisch belegte Erdbeben, so Steinmann. «Das zeigt, dass der tiefe Untergrund im Vergleich zu Basel entspannt ist.» Die Geothermie habe nach wie vor Chancen in der Schweiz, jedes Projekt bringe neue Erkenntnisse über den Untergrund, die für weitere Vorhaben nützlich seien.

Zur Rolle seines Amts sagt der Direktor: «Nach damaligem Wissen waren die Einschätzungen der Expertengruppe und unseres Bundesamts für Energie korrekt.» Ob das Projekt weitergeführt werden könne, müssten die Projektanten entscheiden. Die Energiewende stehe und falle nicht mit der Geothermie: «Es ist denkbar, dass Biomasse, Wind oder auch Wasserkraft mehr Strom bringen können», so Steinmann. «Falls dies nicht möglich ist und von Wissenschaft und Wirtschaft keine zusätzlichen Innovationen kommen, gibt es auch die Option von zusätzlichen Stromimporten oder der fossilen Stromproduktion.»

(tno)

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