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Populist im Aufwind

Der grosse Sieger der Wahl: Beppe Grillo von «Cinque Stelle». (Bild: Keystone)

Italien macht es spannend mit der Schicksalswahl. Nichts steht fest, vieles bleibt unklar - jedoch etwas ist sicher: Grosser Gewinner ist der Komiker Beppe Grillo mit seiner populistischen Protestbewe

Veröffentlicht am 25.02.2013

Nach den Prognosen rauf, dann nach den Hochrechnungen runter. Oder umgekehrt. Italien macht es spannend mit der Schicksalswahl. Und doch standen rasch ein grosser Gewinner und ein grosser Verlierer fest.

Es war eine typische italienische Achterbahn. Erst sagten die Wahlprognosen einen Triumph der Linken voraus, allein die Lombardei müsse für einen Sieg noch genommen werden. Dann kamen die Hochrechnungen und schienen alles wieder zu kippen. Silvio Berlusconi liege mit seinem Mitte-Rechts-Bündnis im Senat überraschend vorn. Ein Erfolg der Linken fünf Jahre nach dem Sturz von Romano Prodi war wieder in weite Ferne gerückt.

Berlusconi-Gegner und europäische Märkte machten diesen Schwenk von der Euphorie zum Katzenjammer prompt mit, die Erleichterung über ein leicht regierbares Italien schwand dahin. Doch alles wie früher, schien es. Verwirrung total.

Grillo als grosser Sieger...

Dabei hatten die Hochrechnungen wie auch die ersten Auszählungen doch bereits mindestens einen grossen Sieger und auch einen grossen Verlierer gebracht. Ein geradezu sagenhafter Durchbruch bahnte sich für die populistische Protestbewegung «Fünf Sterne» des Komikers Beppe Grillo an. Er möchte die Politikerklasse aus Rom werfen und hat die Jugend zum politischen Sturm auf die Ewige Stadt aufgerufen.

Um die 25 Prozent pendelte seine «Bewegung» im Abgeordnetenhaus wie im Senat - ein grandioser Schlag dieser einst im Internet geborenen Anti-Establishment-Gruppierung. Sie hatte bislang nur bei regionalen Wahlen etwa auf Sizilien oder bei lokalen Urnengängen punkten können.

...und Monti als Verlierer

Der grosse Verlierer dieser Parlamentswahlen ist ganz sicher der Wirtschaftsprofessor aus Norditalien: Mario Monti hatte dem Land im vergangenen Jahr schmerzhafte Reformen verordnet und war dann mit einem Bündnis der bürgerlichen Mitte in den Wahlkampf gezogen - als bedächtiger Mann der Mitte, der eigentlich kein Politiker ist.

Wie die Umfragen vor den Wahlen schon vorhersagten, wurde er zwischen den lautstark rivalisierenden Bündnissen zerrieben. Auch als denkbarer Bündnispartner des sozialdemokratischen Lagers um Pier Luigi Bersani könnte er keine grossen Ansprüche mehr stellen. Alle hatten sich im Wahlkampf gegen ihn gestellt. Auch die Schützenhilfe aus Europa für den ehemaligen EU-Kommissar kam in Italien nicht unbedingt gut an.

Bald wieder Neuwahlen?

Ob Berlusconi mit seinem Comeback-Versuch oder Bersani nunmehr zu den Verlierern oder den Gewinnern zu zählen sind, das blieb zunächst schwer zu sagen. Dass man das Krisenland so womöglich nicht regieren könne und es schon bald wieder Neuwahlen geben müsse, das beklagten Enrico Letta und Stefano Fassina von Bersanis Partei PD (Demokratische Partei) bereits nach den ersten Hochrechnungen.

«Mit dem Ergebnis hat das Land grosse Probleme», so Fassina zur unklaren Situation, dem Debakel Montis und dem so spektakulären Grillo-Coup.

«Wir werden das Parlament aufreissen wie eine Thunfischbüchse», hatte der für aggressive und süffige Wortmeldungen bekannte Grillo seinen Hunderttausenden überwiegend jüngeren Fans zugerufen.

Abneigung gegen Politikerklasse

Protestwähler und Politikverdrossenheit in dem immer wieder von Korruptionswellen überschwemmten Italien konnten nicht überraschen. Mit Grillo musste gerechnet werden, so tief ist bei vielen Italienern die Abneigung gegen eine Politikerklasse, die sich seit Jahrzehnten Posten und Privilegien zuschustere und in Korruption verstrickt sei.

Grillo sagt jedoch auch etwas, das die Europäer wohl aufhorchen liess: «Das italienische Volk wird in einem Referendum entscheiden, ob wir in der Euro-Zone bleiben oder nicht.» Das brachte Berlusconi dazu, es ihm mit herben Parolen gegen Berlin und Brüssel gleichzutun.

Aber ist es das, was Italien in der Wirtschaftskrise braucht? Ja, sagt der 64-jährige Lockenkopf aus Genua mit der spitzen Zunge, genau das braucht das ausgelaugte Land, saubere Politik und saubere Umwelt.

Noch etwas hängt von dieser Parlamentswahl ab: Bis Mai müssen die Parlamentarier einen neuen Staatschef wählen - Giorgio Napolitanos Amtszeit endet dann.

Jetzt müssen die Politiker erst einmal sehen, wer mit wem überhaupt auskommen kann. Denkbar schien immer eine Art Grosse Koalition, die einige Reformen abhakt und ein besseres Wahlsystem schafft, um dann erneut zum Wählen aufzufordern.

(rcv/sda)

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