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US-Wahl
Posse um Rede von Melania Trump wird immer absurder

Wer hat Mrs. Trumps Rede nun geschrieben? Ganze Passagen wurden von Michelle Obama abgekupfert Keystone

Angeblich hat nicht Melania Trump selbst Textpassagen von Michelle Obama abgekupfert, sondern eine Redenschreiberin. Allerdings wachsen die Zweifel, ob die Dame tatsächlich existiert.

Von Cynthia Castritius
am 22.07.2016

Wer ist Meredith McIver? Diese Frage beschäftigt US-Medien und Twitter-Nutzer, seitdem eine Frau diesen Namens offiziell die Verantwortung für die kopierten Textpassagen in Melania Trumps Rede übernommen hat. Sie habe die entsprechenden Absätze für Melanias Ansprache vor dem Parteikogress der Republikaner von Michelle Obama abgekupfert und «fühle sich schrecklich» deswegen, hiess es am Mittwoch in einem publiziertem Schreiben.

Jetzt allerdings wird die Plagiatsaffäre noch absurder: Es erhärten sich Zweifel, dass die besagte Dame überhaupt existiert. Denn ihre digitalen Fussspuren werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten sollten, wie die Informationsplattform «Attn» darstellt.

Chronik des Dilettantismus

Einen Tag, nachdem die Rede von Melania Trump aufgrund identischer Passagen mit der Rede von Michelle Obama vor dem Parteitag der Demokraten von 2008 zur globalen Lachnummer geworden war, übernahm Meredith McIver die Verantwortung:

Bald kam die Frage auf Twitter auf: «Hat jemand die Dame je interviewt oder live gesehen?»

Nach ersten Recherchen wurde deutlich, dass unter dem Namen «Meredith McIver» kein Linkedin Profil zu finden war und der Twitter-Account erst im Juli angelegt wurde. Bezeichnenderweise ist der Account nicht verifiziert und der erste Tweet noch sehr frisch:

Das in den USA beliebte Online-Personenverzeichnis «Everpedia» lieferte erst nach der Rede von Melania Trump einige dürftige Informationen zu Frau McIver. Denn neben den Hinweisen, dass diese seit 2001 interne Mitarbeiterin bzw. Redenschreiberin der Trump Organisation sei, enthält ihr Profil eine eher fragwürdige Freundesliste.

Darin finden sich neben Donald und Melania Trump auch die merkwürdigen Namen «I.P. Freely», «John B» und «John Miller».Wie «Attn» berichtet, wurde der erste Name bereits von der Seite gelöscht – es war wohl mehr als eindeutig, dass sich hinter dem Fantasienamen eine eher zweideutige Bemerkung übers Urinieren verbarg. Die letzten beiden genannten Namen seien aber als Donald Trumps Psyeudonyme bekannt.

Auch die Facebook-Fanpage von Meredith McIver gibt Grund zu der Annahme, dass diese erst vor kurzem hastig erstellt wurde. Sie enthält als einzigen Eintrag ihr Bekenntnis als Verantwortliche für das Plagiat.

Balletttänzerin, Ghostwriter, Demokratin?

Es gibt nur wenige Verknüpfungen mit Meredith McIver, die in die Vergangenheit zurückreichen. Bei der Autoren-Suche auf Amazon finden sich etliche Trump-Bücher, in denen Meredith McIver als Co-Autorin genannt wird. Trump erwähnte sie in seinem Buch «How to get rich» als eine seine talentierten Schreiberinnen, ohne die sein Buch nicht hätte fertig gestellt werden können. Sie sei zuvor in New York als Ballettänzerin tätig gewesen und habe sogar an der Wall Street gearbeitet, ehe sie zur Trump-Organization stiess. Allerdings enthält ihre Autorenseite auf Amazon weder Fotos noch eine Vita.

Buzzfeed trägt weiter zur Verwirrung bei: Demnach ist McIver eine registrierte Demokratin und habe bereits mit der Unternehmerin Diamond Donna Roots zusammengearbeitet. Fotos im Artikel untermauern die These, dass das Bild der Dame neben Roots mit dem Trump-Schreiberin zusammenpasst. Auch der britische CNN-Reporter Piers Morgan gibt auf Twitter zu Protokoll, mit McIver häufig geschäftlich zu tun gehabt zu haben und zeigt das gleiche Bild wie Buzzfeed:

Ob Meredith McIver nun existiert oder nicht: Die Ungereimtheiten über die tatsächliche Identität der Redenschreiberin sind ohnehin ein weiterer Höhepunkt in einer absurden Polit-PR-Posse. Im Vorfeld der Rede  verlautbarte Melania vollmundig beim Sender NBC, sie habe ihre Rede «mit ein bisschen Hilfe» selber geschrieben.

Nach dem Eklat um ihren Auftritt verleugnete das Trump-Wahlkampfteam dann zuerst, dass die fraglichen Passagen von First Lady Michelle Obama stammten – trotz der offensichtlichen Deckungsgleichheit der Passagen. Diese Behauptungen liessen sich nicht halten. Darum musste schliesslich ein Verantwortlicher gefunden werden.

Mutmasslich ein Bauernopfer

Es meldete sich eben jene ominöse Meredith McIver. Wurde hier ein Bauernopfer gebracht (das eventuell nicht einmal existiert) ?

Und was macht Trump? Der feiert, wie üblich. Frei nach dem Motto: Auch schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Hauptsache, seine Frau beziehungsweise er steht im Rampenlicht:

 

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