Die Wahl der Baselbieter Nationalrätin Maya Graf zur Präsidentin der Grossen Kammer ist ein historisches Ereignis: Seit 33 Jahren im Nationalrat vertreten, besetzen die Grünen nun zum ersten Mal das formell höchste politische Amt der Schweiz.

«Jetzt kommt die Meisterprüfung»: Maya Graf strahlt. Dass sich die 50-jährige Biobäuerin auf das Jahr als Nationalpräsidentin freut, ist offensichtlich. Nach zwei Jahren Lehrzeit als Vize sieht sich die Grüne für das Präsidium gerüstet. Nicht nur speditiv, sondern auch gerecht wolle sie den Rat leiten, sagte Graf im Gespräch mit der sda.

Und eben dieser Nationalrat liegt der Baselbieterin besonders am Herzen: Sie will im kommenden Jahr ihre Auftritte auch dafür nutzen, das Image der Grossen Kammer zu verbessern. «Das Parlament leistet gute Arbeit und verdient Anerkennung und Respekt», sagt Graf.

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Für Graf wäre es indes ehrlicher, wenn man heute statt von einem Miliz- von einem Teilzeitparlament sprechen würde. Ihr eigenes Pensum schätzt sie auf 60 Prozent. Daneben ist die Mutter von zwei Teenagern und seit zwölf Jahren Mitbewirtschafterin des familieneigenen Biohofs in Sissach.

Sorge tragen zum System

Wehren will sich die neue Nationalratspräsidentin überdies dagegen, dass immer wieder versucht wird, einen Keil zu treiben zwischen die sogenannte Classe Politique und die Bevölkerung. In der Schweiz seien sich Volk, Parlament und Regierung nach wie vor sehr nahe. «Wir dürfen unser demokratisches System nicht immer schlechtreden, sondern müssen dazu Sorge tragen», sagt Graf.

Parteipolitik will Graf im Präsidiumsjahr keine machen. Allerdings werde sie ihre Herkunft, ihre Laufbahn und ihre Einstellung auch als höchste Schweizerin nicht verleugnen können. Und Gelegenheiten, über grüne Themen zu sprechen, werde es genug geben, schmunzelt sie, denn sie bestimmen derzeit die politische Agenda.

Dass den Grünen nun erstmals Nationalratspräsidium zufällt, sei eine sehr wichtige Anerkennung für ihre Partei. Immerhin sei diese inzwischen mit manchen ihrer zentralen Anliegen wie etwa dem Ausstieg aus der Atomenergie mehrheitsfähig geworden, sagt Graf.

Umso mehr frustriert es sie nach wie vor, dass die Grünen bei den eidgenössischen Wahlen 2011 fünf ihrer zuvor zwanzig Sitze in der Grossen Kammer verloren haben. Da hätten die Mitteparteien und allen voran die Grünliberalen ihre Partei um die Früchte ihrer Arbeit gebracht, sagt Graf. Nun müssten die Grünen garantieren, dass die Energiewende auch umgesetzt wird.

Vom Waldsterben politisiert

Politisiert wurde Graf in den 1980er-Jahren durch das Waldsterben. Neben der Sorge um die Umwelt sei ihr Gerechtigkeitssinn immer eine Triebfeder für ihr Engagement gewesen, sagt Graf. Für sie hat Grün denn auch einen roten Kern: «Der Umwelt kann es nur gut gehen, wenn es auch den Menschen gut geht».

Ihre politische Laufbahn begann Maya Graf auf kommunaler Ebene in der Gemeindekommission von Sissach. Von 1995 bis 2001 politisierte sie im Baselbieter Landrat, davon zwei Jahre zusammen mit ihrem Vater, einem SVP-Politiker, der weit über die Parteigrenzen hinaus geschätzt wurde, weil er auch dem politischen Gegner Respekt zollte.

Ins Bundeshaus wechseln konnte sie nach dem Rücktritt von Ruth Gonseth als zweite Nachrückende. Dabei habe man sie erst für eine Nationalratskandidatur überzeugen müssen, erinnert sich Graf.

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Populär dank Politthriller

Zu unverhoffter nationaler Bekanntheit verhalf ihr kurz vor den Wahlen 2003 der dokumentarische Politthriller «Mais im Bundeshuus», in dem sich die Biobäuerin als Gentechkritikerin profilierte. Das Ja von Volk und allen Ständen zur Gentechfrei-Initiative im Jahr 2005 wertet Maya Graf als einen ihrer grössten politischen Erfolge.

Im Nationalrat gehört Graf der Wissenschafts- Bildungs- und Kulturkommission an. Ehe sie für zwei Jahre das Fraktionspräsidium übernahm, sass sie von 2007 bis 2009 auch in der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit. Graf war vor der Übernahme des elterlichen Hofs als Sozialarbeiterin tätig gewesen.

Auf ihrem Hof versucht Graf zu leben, was sie politisch predigt - «allerdings nicht dogmatisch», wie sie versichert. Bereits seit 2007 wird auf dem Hof «Unter der Fluh» Solarstrom produziert, und das einzige Auto des abgelegenen Gehöfts teilen sich drei Familien.

Der Kanton Baselland stellt nun zum vierten Mal seit 1848 das Präsidium des Nationalrat. In ihrer Heimat ist Maya Graf fest verankert - die Wiederwahl in den Nationalrat schaffte sie 2003, 2007 und 2011 glänzend. Die Frage, was nach dem Präsidium kommt und ob sie allenfalls dereinst in den Ständerat wechseln möchte, lässt sie offen.

(jev/chb/sda)