Ägyptens Präsident Mohammed Mursi stösst mit seiner neuen Machtpolitik auf eine Front der Ablehnung. Heute trat ein Grossteil der Richter und Staatsanwälte des Landes in den Streik. In Kairo und der Provinz Al-Baheira gab es erneut Strassenschlachten zwischen der Polizei und den Gegnern der Muslimbruderschaft, aus der Mursi stammt.

Allein auf dem Kairoer Tahrir-Platz protestierten mindestens 5000 Menschen gegen den Kurs des islamistischen Präsidenten. Gestern hatte die Polizei Tränengas gegen die Demonstranten eingesetzt.

Am Abend versammelten sich tausende Islamisten in mehreren Städten Ägyptens zu Solidaritätskundgebungen für Mursi. Neben Angehörigen der Muslimbruderschaft, aus der Mursi stammt, beteiligten sich auch Anhänger der radikal-islamischen Salafisten-Bewegung.

Die Richtervereinigung erklärte, die Richter wollten ihre Arbeit erst wieder aufnehmen, wenn Präsident Mohammed Mursi seine umstrittene Verfassungserklärung zurücknimmt. Der Oberste Richterrat warf dem Staatschef vor, er gefährde die Unabhängigkeit der Justiz.

Nach den Richtern riefen auch die Journalisten zu einem Generalstreik auf. Damit soll gegen die fehlenden Garantien der Pressefreiheit im derzeitigen Entwurf für eine neue Verfassung protestiert werden. Ein Streiktermin stand noch nicht fest.

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Mehr Befugnisse als ein Pharao

Der Friedensnobelpreisträger Mohammed El Baradei warnte: «Wenn die gemässigten Kräfte keine Stimme mehr haben, dann droht ein Bürgerkrieg.»

In einem Interview des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» beschuldigte El Baradei den islamistischen Präsidenten, Ägypten in eine Diktatur zu führen: «Er hat die ganze Macht an sich gerissen. Nicht einmal ein Pharao hatte so viele Befugnisse, von seinem Vorgänger Husni Mubarak ganz zu schweigen.»

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden bei den Protesten gegen Mursi seit Freitag mehr als 300 Menschen verletzt. Aktivistinnen erklärten, sechs Islamistinnen mit Gesichtsschleiern hätten am Samstagabend einer jungen Anti-Mursi-Demonstrantin vor dem Justizpalast in Kairo die Haare angezündet.

Angst vor Eskalation der Gewalt

Am Dienstag wollen sowohl die Islamisten als auch die liberalen Kräfte erneut auf die Strasse gehen, was bei vielen Ägyptern die Angst vor neuer Gewalt schürt.

Mursi hatte am Donnerstag eine Verfassungserklärung erlassen, die von der Opposition als «Staatsstreich» bezeichnet wurde. Laut seiner Erklärung dürfen die Gerichte des Landes die Umsetzung seiner Dekrete nicht behindern. Sie haben auch nicht das Recht, die Verfassungskommission aufzulösen.

Dekrete nur vorübergehend

Mursi selbst schien aufgrund der Proteste zurückzukrebsen. Das ägyptische Präsidialamt bekräftigte am Sonntagabend, die umstrittenen Dekrete seien nur vorübergehender Natur. Mit allen politischen Kräften solle eine gemeinsame Basis für eine neue Verfassung gefunden werden.

Die unabhängige Kairoer Tageszeitung «Al-Shorouk» meldete, Mursi habe für diesen Montag mehrere Richter eingeladen, um mit ihnen nach einem Ausweg aus der Krise zu suchen.

Ein islamistischer Anwalt erstattete derweil Anzeige gegen drei Oppositionelle. Der von Mursi gerade neu ernannte Generalstaatsanwalt Talat Ibrahim Abdullah hatte sich zuvor bereits mehrere Kritiker des Präsidenten vorgeknöpft. Abdullah lud einen Politiker und zwei Juristen vor, die sich gegen die Entmachtung der Justiz durch den Präsidenten ausgesprochen hatten.

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Ihnen wird vorgeworfen, sie versuchten, das System zu stürzen. Ausserdem hätten sie sich gegen Entscheidungen des Präsidenten gestellt und zum zivilen Ungehorsam aufgerufen.

Der Versuch des Präsidenten, seine Macht auf Kosten der Justiz zu vergrössern, war auch von den Vereinten Nationen und von einigen westlichen Regierungen kritisiert worden.

(jev/sda)