Im umstrittenen Prozess gegen die regierungskritische Frauenband Pussy Riot hat der Staatsanwalt jeweils drei Jahre Haft wegen Rowdytums aus religiösem Hass für die drei Angeklagten gefordert. Die Frauen hätten mit ihrem Punkgebet in der Erlöserkathedrale die Gefühle Gläubiger grob verletzt.

Dass die Aktion gegen Kremlchef Wladimir Putin gerichtet sei, nannte Staatsanwalt Alexander Nikiforow vor dem Chamowniki-Gericht in Moskau einen Vorwand. Mit dem Antrag blieb er unter der möglichen Höchststrafe von sieben Jahren Lagerhaft. Das Urteil wird noch in dieser Woche erwartet.

Die Verteidigung hält den Prozess für politisch gesteuert und fordert Freispruch für die gewaltlosen Musikerinnen. Es gebe keine Rechtsgrundlage für ein Urteil, sagte Verteidiger Mark Feigin. Die Angeklagten Maria Aljochina, Nadeschda Tolokonnikowa und Jekaterina Samuzewitsch hatten ihren Protest gegen Putin in der Kirche als Form freier Meinungsäusserung verteidigt. Das dafür geforderte Strafmass sei absurd und eine «Schande für Russland», kritisierten mehrere Menschenrechtler.

Putin ergriff das Wort

Zuletzt hatte auch Putin angemahnt, die Frauen nicht «so hart zu verurteilen». Allerdings kritisierte er erneut den Auftritt als «nicht gut». Die Künstlerinnen sitzen seit März in Untersuchungshaft. Sie nahmen das Plädoyer vom Dienstag ruhig mit verständnislosem Kopfschütteln und Lächeln auf.

Die Schuld von Aljochina, Tolokonnikowa und Samuzewitsch sei erwiesen, sagte Staatsanwalt Nikiforow bei der live im Internet übertragenen Sitzung. Die schrille Aktion vom 21. Februar sorgte vor allem im Internet für Aufsehen. Die Frauen hätten mit greller Kleidung, Strumpfmasken, wildem Tanz und «vulgärem und zynischem» Verhalten in der Kirche die russisch-orthodoxen Christen beleidigt, sagte der Ankläger.

«Die öffentliche Benutzung von Schimpfwörtern nahe der Ikonen an einem solchen heiligen Ort ist eine Verletzung der allgemeingültigen Regeln», sagte Nikiforow. Das Vergehen der drei Angeklagten sei so «schwer», dass sie «von der Gesellschaft isoliert» werden müssten. Er berücksichtige aber, dass keine der Frauen vorbestraft sei und Tolokonnikowa und Aljochina kleine Kinder hätten.

Zweifelhafte Unabhängigkeit des Gerichts

Die Frauen beteuern ihre Unschuld. Sie hatten sich im Prozess bei den Gläubigen entschuldigt und den Auftritt als «ethischen Fehler» bezeichnet, halten aber am Inhalt des umstrittenen Gebets fest. Darin hatten die Musikerinnen nicht nur dafür gebetet, dass Russland von Putin erlöst werden möge. Sie kritisierten auch eine enge politische Verbindung des Patriarchen Kirill mit Putin.

Kritiker zweifeln die Unabhängigkeit des Gerichts an. Sie werfen Putin vor, nach den grössten Protesten gegen ihn seit dem Jahr 2000 verstärkt gegen die Opposition vorzugehen. Putin hatte im Mai erneut das Präsidentenamt übernommen, das er bereits zwischen 2000 und 2008 innehatte.

(muv/sda)

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