Fern der schillernden Metropolen wie St. Petersburg und Moskau lädt der russische Präsident Wladimir Putin seine Amtskollegen aus China, Indien, Brasilien, Südafrika und anderen Staaten diesmal in die russische Industrieprovinz ein. Nach Ufa.

Ein Doppelgipfel für die nicht-westliche Welt steht an. Der Schauplatz liegt südwestlich des Uralgebirges, von Moskau mehr als 1300 Kilometer entfernt und wird von den Russen mit allerlei Tricks auf Vordermann gebracht (siehe Bildergalerie).

Keine Vorherrschaft der USA

Dort geht es von diesem Mittwoch (8. Juli) an um Weltpolitik: erst beim Gipfel der Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika (Brics) bis 9. Juli, dann beim Treffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) am 9. und 10. Juli.

Putin will vor allem die Idee einer multipolaren Welt – ohne eine Vorherrschaft der USA – vorantreiben. In Ufa soll Schluss sein damit, dass die Brics nur ein Forum des Dialogs sind, wie der Präsident selbst betont. Ein «handlungsfähiges Instrument» der Weltpolitik – das sei das Ziel, sagt er.

Nicht erst seit seinem Ausschluss aus der Gruppe grosser Industrienationen (G7) im Zuge des Ukraine-Konflikts sucht Russland nach Alternativen der Zusammenarbeit auf der Weltbühne. Die Russen sehen in den Brics – der Vereinigung fünf grosser Schwellenstaaten mit rund 40 Prozent der Weltbevölkerung – seit langem eine grosse Zukunft.

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Startschuss für eigene Entwicklungsbank

Voranbringen will Russland in Ufa in erster Linie das Projekt einer neuen Brics-Bank. An ihr beteiligt sich die Rohstoffmacht zunächst mit zwei Milliarden US-Dollar. «Das neue Institut wird eine der grossen multilateralen Banken», sagt Finanzminister Anton Siluanow.

Immer wieder haben Russland, aber auch andere Brics-Staaten Reformen des westlich dominierten Internationalen Währungsfonds (IWF) angemahnt. Jetzt wollen die Länder eine eigene Bank für Infrastrukturprojekte und zur Bekämpfung von Krisen etablieren.

Ufa soll den Startschuss geben für den Beginn der praktischen Arbeit. Siluanow kann sich vorstellen, dass die Brics-Bank etwa das Projekt der Seidenstrasse – einer grossen Magistrale von Asien bis nach Europa – mitfinanziert.

130 Punkte am Gipfelmarathon

Die Ziele für den Gipfelmarathon sind gross: Die Brics sollten zu einem «vollwertigen Mechanismus der strategischen Zusammenarbeit in Schlüsselfragen der Weltpolitik und Wirtschaft werden», heisst es.

Verabschiedet werde in Ufa eine Brics-Strategie zur Wirtschaftsentwicklung bis 2020, sagt Putins aussenpolitischer Berater Juri Uschakow. Der russische Präsident plane insgesamt bilaterale Treffen mit elf Staats- und Regierungschefs an den drei Gipfeltagen der Brics und der SCO. Themen seien auch das iranische Atomprogramm, die Finanzkrise in Griechenland, der Konflikt in der Ukraine sowie weitere globale Probleme.

Erfolge bisher Mangelware

Experten bemängeln allerdings, dass der Staatenverbund zwar sein Tätigkeitsfeld ausgeweitet habe, bisher aber kaum Erfolge vorweisen könne. «Viele Initiativen bleiben unterentwickelt, weil es an Abstimmung mangelt», sagt Alexander Gabujew vom Moskauer Carnegie Center.

Klar sei aber auch, dass Russland etwas bewegen wolle, meint Gabujew. 130 Punkte lägen bei dem Gipfel zur Diskussion auf dem Tisch, heisst es.

«Wir müssen noch viel dafür tun, dass diese Organisation einen handelnden Charakter erhält, damit sie zu einem handelnden und wirksamen Instrument für die Entwicklung unserer Wirtschaft wird», sagt Putin über Brics. Dabei beteuert er, dass es ausschliesslich um eine wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit gehe – und nicht um das Schmieden neuer Militärblöcke.

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Engere Zusammenarbeit bei Sicherheitsfragen

Gleichwohl organisieren vor allem die in der Shanghaier Organisation (SCO) vereinten Staaten längst gemeinsame Manöver. Russland hat in den SCO-Mitgliedsstaaten Tadschikistan und Kirgistan zudem eigene Militärbasen.

Als nach den USA zweitgrösster Rüstungsexporteur der Welt versorgt Russland die Regionen mit Waffen. In Sicherheitsfragen will das Bündnis künftig noch enger zusammenarbeiten – besonders beim Kampf gegen den Terrorismus und Drogenschmuggel.

Vor allem der Iran, der eine SCO-Mitgliedschaft anstrebt und mit Präsident Hassan Rohani in Ufa vertreten ist, pocht darauf, dass die Region – ohne Einfluss der USA oder anderer fremder Mächte – selbstständig für ihre Sicherheit sorgt.

So denken auch in Russland viele. «Die Impotenz der Vereinten Nationen und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa erfordert von den Ländern der Region, dass sie dieses Vakuum ausfüllen und die Lage selbst kontrollieren», meint der Asien-Experte Alexander Knjasew in der Zeitung «Nesawissimaja Gaseta».

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(sda/jfr/chb)