Nach der Absage an freie Wahlen in Hongkong droht eine offene Konfrontation. Enttäuschte prodemokratische Aktivisten planen eine «Ära des zivilen Ungehorsams». Schon am Sonntag kam es zu ersten Demonstrationen vor dem Regierungssitz. Als Höhepunkt der Protestwelle kündigten Organisatoren die lange angedrohte Besetzung des Finanzdistrikts der Wirtschaftsmetropole an.

Die Bewegung habe «keine andere Wahl». «Alle Chancen auf Dialog sind erschöpft und die Besetzung von Central wird definitiv stattfinden», hiess es in Bezug auf den Central genannten Finanzdistrikt. Für wann diese seit Wochen angedrohte Protestaktion geplant ist, blieb allerdings weiter offen.

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Beratungsfirmen verurteilen Besetzungspläne

Chinesische Politiker warnten die Bewegung vor einer Besetzung des Finanzdistrikts und Chaos in der Hafenmetropole. Eine Konfrontation könne in einem «Blutbad» enden, meinte der frühere Unterhändler Chen Zou'er, der die Rückgabe Hongkongs 1997 an China vorbereitet hatte, in einem Radiointerview.

Gegen die angedrohte Besetzung ausgesprochen hatten sich bereits im Juni die vier grossen Beratungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers, Deloitte, KPMG und Ernst & Young. In einer Zeitungsanzeige warnten die sogenannten Big Four vor Instabilität und Chaos. «Eine Besetzung von Central hätte negative Auswirkungen auf das Geschäftsleben und würde die Banken und die Börse schädigen». «Die sozialen und ökonomischen Konsequenzen wären unermesslich», schrieben die Beratungsunternehmen. Viele Kunden seien besorgt und überlegten sich wegen der drohenden Proteste einen Rückzug aus Hongkong.

Investoren könnten abziehen

Hongkongs Rechtssystem und Gesellschaftsordnung seien die Hauptgründe für ausländische Investoren in die Stadt zu kommen, erklärten die Beratungsunternehmen. «Alle Bürger haben deshalb die Pflicht, die Gesetze zu befolgen und die Rechte der Anderen zu respektieren.»

Für die Demokratiebewegung war die Parteinahme der grossen vier internationalen Beratungsunternehmen ein Schlag ins Gesicht. Nur wenige Tage nach dem offenen Brief der Konzerne erschien eine neue Anzeige. «Hey Boss, deine Aussage repräsentiert uns nicht», stand in riesigen weissen Lettern auf schwarzem Grund. Für die Anzeige verantwortlich zeichneten laut Unterschrift wütende Angestellte der Big Four.

Anhaltende Spannungen

In Hongkong ist die Lage schon seit Monaten äusserst angespannt. Im Juni hatten rund 800'000 Bewohner an einem inoffiziellen Referendum für mehr Demokratie teilgenommen. Die Internetabstimmung wurde von der chinesischen Regierung als «illegal und ungültig» bezeichnet. Gestern nun hat die Regierung in Peking bekannt gegeben, dass sie bei der geplanten ersten Direktwahl 2017 die Nominierung der Kandidaten weiterhin kontrollieren werde.

Seit der Rückgabe an China im Jahr 1997 steht die Verwaltung Hongkong unter dem Grundsatz «ein Land, zwei Systeme». Trotz weitreichender Autonomie hat die Führung in Peking die Einführung einer echten Demokratie nicht zugelassen. Nur die Hälfte der Abgeordneten werden direkt gewählt, der Rest wird von Standesorganisationen im Sinne der Kommunisten auf dem Festland bestimmt.

(mit Material von sda)