Mein Vater ist seit neun Jahren pensioniert. Er geniesst das Leben und hat, wie es sich für Pensionierte gehört, kaum Zeit. Findet er sie doch, diskutiert er liebend gerne über gesellschaftliche und politische Fragen. Er ist ein engagierter Debattierer, offen für neue Ideen – ausser in -einem Punkt. Werden Sozialwerke und seine Rente thematisiert, echauffieren wir uns. «Magst du mir meinen Ruhestand nicht gönnen?» fragt er. «Selbstverständlich», antworte ich, «aber ist dir eigentlich bewusst, dass du zu viel Rente erhältst?» – «Was heisst zu viel»?, entgegnet er. «Ich habe ein Leben lang gearbeitet und bekomme jetzt das, was man mir versprochen hat.» – «Aber du kriegst auch Geld, das ich einzahle.»

Umverteilung von Jung zu Alt widerspricht der 2. Säule

Und genau da liegt das Problem. Die Versprechungen von damals rechnen sich heute  nicht mehr. Seit Einführung der AHV 1948 ist die Lebenserwartung um 50 Prozent, das heisst um sieben Jahre gestiegen. Ein Schweizer wird heute im Schnitt 82,3 Jahre alt. Das wird innerhalb der OECD nur von Japan mit 83 Jahren übertroffen. 1985, bei der Einführung der beruflichen Vorsorge (BVG), durfte ein Mann bei der Pensionierung davon ausgehen, noch 15 Jahre zu leben, heute sind es 19 Jahre. 

Das sind alles erfreuliche Nachrichten – bergen aber sozial- und wirtschaftspolitischen Zündstoff. Das angesparte Geld reicht nicht. Deshalb findet eine Umverteilung von Jung zu Alt statt, die systemwidrig ist. In der 2. Säule, der beruflichen Vorsorge, müsste jede versicherte Person gemeinsam mit dem Arbeitgeber ihr Alterskapital ansparen – doch eben diese Guthaben genügen nicht. 

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Kein Verlass auf die Renditen der Finanzmärkte

Die Politik war bis anhin fatalerweise unfähig, darauf zu reagieren. Keine Partei will ihre Wähler mit Hiobsbotschaften erschrecken. Wer Steuererhöhungen oder Rentenkürzungen proklamiert, verliert seine Gefolgschaft. Besonders eindrücklich ist dies bei den Linken und Gewerkschaften zu beobachten. Ausgerechnet sie, die bei jeder Gelegenheit die Abzocker und den Kapitalismus geisseln, gehen davon aus, dass die Kapitalmärkte schon wieder die nötigen Renditen abwerfen werden. Deshalb könne ein Umwandlungssatz von 6,8 Prozent, mit dem sich die Rentenhöhe aus dem Alterskapital errechnet, beibehalten werden. 

Diese Annahme ist angesichts der demografischen Entwicklung und der Unsicherheiten an den Finanzmärkten jenseits von Gut und Böse. Deshalb ist es wohltuend, dass sich Sozialminister Alain Berset anschickt, die Zeitbombe zu entschärfen. Im Sommer legte er die Leitplanken seiner «Altersvorsorge 2020» vor:  Senkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6 Prozent, Erhöhung des Rentenalters für Frauen auf 65, Erhöhung der Mehrwertsteuer um 2 Prozent. Nun hat die FDP nachgedoppelt und verlangt, dass sich der Mindestzinssatz und der Mindestumwandlungssatz an die reale Situa-tion der Märkte anpassen. Realistische Formeln und nicht mehr der Wille der Politik sollen ausschlaggebend sein.

Es braucht eine entideologisierte Diskussion

Dass das Parlament die Motionen überwies, ist zumindest ein hoffnungsvolles Zeichen. Doch das reicht noch nicht. Es braucht ein politisches und gesellschaftliches Umdenken, das über die reine Besitzstandswahrung hinausgeht. Ob wir es wollen oder nicht – wir werden künftig mit weniger Altersvorsorge auskommen müssen. Deshalb braucht es eine entideologisierte Diskussion und neue Ansätze, die bis zu einer totalen Flexibilisierung des Rentenalters reichen. Und es braucht viel Überzeugungsarbeit, damit Rentner wie mein Vater von den neuen Realitäten und letztlich von niedrigeren Renten überzeugt werden. Doch es bleibt keine andere Wahl, die Zeit läuft uns davon – die Finanzierungslücken werden nur noch grösser.