Nur zähneknirschend stellten sich viele führende Republikaner hinter Donald Trump. Nach dessen frauenverachtenden Bemerkungen bröckelt die Harmoniefassade stärker denn je. Und das kurz kurz vor dem zweiten TV-Duell Trumps mit der Demokratin Hillary Clinton.

Manche Parteikollegen forderten Trump sogar zum Rückzug aus dem Rennen auf, was der 70-Jährige strikt ablehnte. Trump ging damit unter enormem Druck in den eineinhalbstündigen Showdown am Sonntagabend (Montag 03.00 Uhr MESZ) in St. Louis.

Clinton führt mit knapp 5 Prozent

Analysten sagten eine weitere Absetzbewegung in der Partei für den Fall voraus, dass Trump erneut schlecht abschneiden sollte. Die erste Fernsehdebatte mit Clinton Ende September hatte er klar verloren. Die Ex-Aussenministerin legte danach in Umfragen zu. Durchschnittlich lag sie am Sonntag US-weit mit 4,6 Prozentpunkten vor ihrem Gegner.

Das Video, das die «Washington Post» am Freitag veröffentlichte, stammt aus dem Jahr 2005. Trump äussert sich darin vulgär über Frauen und brüstet sich mit sexuellen Übergriffen.

Er erzählt, dass er versucht habe, mit einer verheirateten Frau Sex zu haben, und dass er auch einfach so mal Frauen küsse. «Und wenn du ein Star bist, dann lassen sie dich das tun.» Man könne alles tun, auch den Frauen zwischen die Beine greifen.

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Trump will sich «niemals» zurückziehen

Die Veröffentlichung schlug so hohe Wellen, dass sich der Republikaner mitten in der Nacht zum Samstag zu einer öffentlichen Entschuldigung gezwungen sah. US-Medien sprachen von einer «Bombenexplosion» im Wahlkampf, von der sich Trump möglicherweise nicht mehr erholen könne.

Trump schrieb allerdings im Kurznachrichtendienst Twitter, dass er sich «niemals» aus dem Rennen zurückziehen werde. Trump traf sich in New York mit seinen Vertrauten, darunter Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani. Dieser sagte später, es sei Wunschdenken des Clinton-Lagers, dass der Unternehmer aufgebe.

Hillary Clinton nannte Trumps Äusserungen über Frauen «schrecklich». Sie appellierte an die Wählerschaft: «Wir dürfen es nicht zulassen, dass dieser Mann Präsident wird.»

Auftritte abgesagt

Kritik kam sogar von Trumps Vizekandidat Mike Pence: Als Ehemann und Vater habe er sich persönlich beleidigt gefühlt, hiess es in einer schriftlichen Erklärung des konservativen Politikers. Pence sagte Wahlkampfauftritte ab. Auch Trumps Wahlkampfmanagerin Kellyanne Conway und der republikanische Parteichef Reince Preibus sagten geplante Fernsehauftritte ab.

Der frühere Präsidentschaftskandidat John McCain erklärte, er werde bei der Wahl am 8. November nicht für Trump stimmen. Dessen jüngstes Verhalten und seine verächtlichen Aussagen über Frauen machten es ihm unmöglich, den Kandidaten weiter zu unterstützen.

Rückzugsforderungen von Republikanern

Die Senatorin Kelly Ayotte und weitere Abgeordnete hatten sich zuvor ähnlich geäussert. Andere Republikaner wie die frühere US-Aussenministerin Condoleezza Rice gingen noch einen Schritt weiter und forderten Trumps Rückzug.

Zumindest offiziell hat Trump noch die Unterstützung von Paul Ryan und Parteichef Priebus, auch wenn beide sich über die Äusserungen in dem Video entsetzt zeigten.

Nach der Veröffentlichung der Aufnahmen sagte Ryan, als Vorsitzender des Repräsentantenhauses derzeit der mächtigste Republikaner, einen gemeinsamen Auftritt mit Trump ab. Bei einer Veranstaltung am Samstag bekräftigte er seine Aussage vom Freitag, Trumps Äusserungen hätten bei ihm Übelkeit ausgelöst.

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«Bürgerkrieg» in der Partei

Trumps Frau Melania äusserte sich ebenfalls: «Die Worte, die mein Mann benutzt hat, sind inakzeptabel und beleidigend für mich.» Sie habe aber seine Entschuldigung angenommen und sie hoffe, dass die Leute dies auch täten.

«Wir werden diesen Tag noch lange in Erinnerung behalten», fasste David Gergen, der vier US-Präsidenten aus beiden Lagern beraten hat, die Lage am Samstag im Sender CNN zusammen. In den republikanischen Reihen breche gerade ein «Bürgerkrieg» aus.

(sda/gku)