Die Fussball-WM begeistert die Zuschauer rund um den Globus. Im Gastgeberland selbst scheinen die Proteste gegen das Event kleiner zu werden. Versöhnt der Fussball jetzt auch die Brasilianer?
Frank W. Eck Portela*: Allenfalls oberflächlich. Für die ärmeren Teile der Bevölkerung ist der Fussball eine der wenigen Ablenkungen. Entsprechend gross ist die Identifikation mit dem Team – und dies, obwohl sich die meisten ein Ticket noch nicht einmal leisten können. Doch viele Brasilianer, vor allem aus der Mittelschicht, hätten ihre Freude daran, wenn das Nationalteam ausscheidet.

Am Samstag gegen Chile wäre das um ein Haar passiert.
Viele meiner brasilianischen Bekannte und Freunde sind sich einig, dass Brasilien zwar das WM-Spiel gewonnen haben mag – aber sozial und wirtschaftlich liegt Chile ganz weit vorne. In dem Land herrscht ein deutlich besseres Investitionsumfeld, höhere Beschäftigung, weniger Korruption – Brasilien hingegen hat viele Baustellen.

Und die stehen nun nicht mehr im Fokus?
Die grossen brasilianischen Fernsehsender berichten in diesen Wochen fast ausschliesslich über Fussball. Es scheint, als ob es während der WM keine Kriminalität mehr gibt, keine Drogendelikte, keine Morde.

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Wollen aus diesem Grund viele Vertreter der Mittelschicht, dass Regierung und Bevölkerung am besten noch während der WM den Fokus wieder auf die wirtschaftlichen Problemen legen?
Ein frühes Ausscheiden bei der WM ist natürlich gefährlich, weil dann die Proteste eskalieren könnten. Die Enttäuschung ist bei vielen Menschen gross. Die Regierung hat wichtige Versprechen nicht gehalten – etwa, dass es zur WM eine schnelle Zugverbindung von Sao Paulo nach Rio de Janeiro geben wird. Der Bau hat bis heute noch nicht einmal begonnen. Dafür hat etwa die Sanierung des Maracana-Stadions in Rio dreimal mehr Geld verschlungen als ursprünglich veranschlagt. Gleichzeitig sterben Menschen in den Krankenhäusern ohne Behandlung und Lehrer, die für die Erziehung der Kinder verantwortlich sind, müssen mit Hungerlöhnen auskommen.

Der Eindruck hierzulande ist, dass die Proteste im Vergleich zur Zeit vor der WM weitgehend verstummt sind. Täuscht dieser Eindruck?
Nein, es stimmt: Es gibt weniger Demonstrationen. Aber der wichtigste Grund dafür scheint das enorme Polizeiaufgebot zu sein. Als kurz nach WM-Start 60 Chilenen das Maracana stürmten, verschärfte sich die Lage noch. Von meiner Wohnung aus sehe ich das Stadion, deshalb kann ich sagen: Ich habe noch nie so viele Polizisten gesehen wie zur WM. Und ich lebe immerhin schon seit 16 Jahren in Rio.

Das ist eine lange Zeit. Was hat sich seitdem am stärksten verändert?
Brasilien ist zu einer grossen Konsumgesellschaft geworden – und die Preise sind kräftig gestiegen, vor allem in Rio. Wenn ich früher für ein paar Wochen in die Schweiz reiste, war der Preisunterschied riesig. Das hat sich total geändert: Inzwischen zahlt man hier für ein Abendessen zu zweit leicht 70 bis 80 Franken. Brasilien ist heute gefühlt sogar teurer als die Schweiz.

Dafür haben Sie die traumhafte Strände und viel Sonne.
Das mag sein. Doch meine brasilianische Frau und ich spielen mit dem Gedanken, nach Europa zu zügeln. Inzwischen kann man dort ein besseres Leben führen – und vor allem ein sichereres. Früher bewegte man sich noch bedenkenlos durch Rio. Das ist inzwischen auch anders. Sie müssen sich vorstellen: Heute sind wir nachts nicht einmal mehr mit dem Auto unterwegs – aus Angst, dass wir überfallen werden könnten.

* Frank W. Eck Portela verkauft über Fantastic-Sportswear.com Sportartikel aus Südamerika in die Schweiz und nach Deutschland. Seit mittlerweile 16 Jahren lebt der Unternehmer mit seiner brasilianischen Frau in Rio de Janeiro.

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