Mit Ruedi Lustenberger wird nach 126 Jahren wieder ein Entlebucher höchster Schweizer. Auf das Amt hat sich der debattierfreudige CVP-Politiker und geschickte Lobbyist besonders vorbereitet und gelernt, aufs Maul zu hocken. Der Schreinermeister plädiert für mehr Gelassenheit und Patriotismus.

Die Wahl zum Nationalratspräsidenten ist Ruedi Lustenbergers grösster persönlicher Erfolg, wie der 63-Jährige am Stubentisch in seinem Haus in Romoos LU im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda sagt.

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"Ich bin Entlebucher, habe eine Schreinerlehre gemacht und 37 Jahre die eigene Unternehmung geführt. Dass man mir das Präsidium des Nationalrats anvertraut, ist nicht selbstverständlich", sagt er.

Der Luzerner übte sich bereits zwei Jahre als Vizepräsident des Nationalrats in Zurückhaltung und verzichtete weitgehend auf Engagements in Komitees: «Am Anfang fiel es mir sehr schwer, aufs Maul zu hocken.»

Für besseres Französisch nach Strassburg

Für das Präsidialjahr besserte Lustenberger zudem seine Französischkenntnisse auf. Er besuchte im vergangenen Jahr einen dreiwöchigen Sprachkurs in Strassburg F und im Sommer einen einwöchigen Intensivkurs in Avignon F.

Als höchster Schweizer will Ruedi Lustenberger den Bürgerinnen und Bürgern in Erinnerung rufen, dass es dem Land trotz aller Probleme gut gehe: «Das vergessen wir oft. Und wir müssen Sorge tragen, dass es uns weiter gut geht.»

Er plädiert für mehr Gelassenheit. Und er wehrt sich dagegen, in Schnellschüssen langjährige Errungenschaften über den Haufen zu werfen.

Lustenberger will auch mehr Optimismus verbreiten: «Das Glas der Entlebucher war nie voll. Aber es war eher halbvoll als halbleer.»

Geschickter Lobbyist

Daneben freut er sich am - wie er sagt - neu aufkommenden Patriotismus. "Wir können stolz auf die Schweiz sein." Dies dürften alle durchaus mit Fahnen oder mit ihrer Begeisterung für Schweizer Idole, etwa im Sport, zum Ausdruck bringen.

Der fünffache Familienvater sitzt seit 14 Jahren im Nationalrat. Er machte sich als bodenständiger Politiker mit Weitsicht einen Namen. Ratskollegen bezeichnen ihn als über die Parteigrenzen hinaus verlässlichen und geschickten Lobbyisten.

Zwölf Jahre arbeitete er in der Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie. Ins Rampenlicht getreten ist er als Präsident der Geschäftsprüfungskommission im Streit um Bankdaten mit den USA sowie in der Affäre um den ehemaligen Nationalbankpräsidenten Philipp Hildebrand.

Lustenberger setzte sich jüngst vor allem für erneuerbare Energien und den Atomausstieg ein. Gesellschaftspolitisch zählt er zum konservativen Flügel der CVP. So engagierte er sich etwa für den Erhalt von Kruzifixen in öffentlichen Gebäuden und Schulen.

Späteinsteiger mit 41

Obschon Lustenberger seine Schreinerei vor zwei Jahren einem langjährigen Mitarbeiter übergeben hat, bleibt er ein Gewerbevertreter. Er ist nach wie vor Zentralpräsident des Verbands der Schreinermeister und Möbelfabrikanten sowie Vorstandsmitglied des Gewerbeverbands.

Das Anliegen, dass bei der Vergabe öffentlicher Aufträge künftig die Ausbildung von Lehrlingen ein Kriterium sein soll, geht auf Ruedi Lustenberger zurück.

Besonders am Herzen liegt dem Luzerner die Staatspolitik. Er kämpfte beispielsweise an vorderster Front gegen einen Maulkorb für Bundesräte vor eidgenössischen Urnengängen.

Lange deutete nichts auf eine Politikkarriere hin. Lustenberger wuchs in der Berggemeinde Romoos am Fusse des Napf auf. Mit 24 heiratete er eine Bauerntochter aus dem Dorf. Im selben Jahr übernahm er mit ihr zusammen die Schreinerei seines Vaters.

Erst mit 41 Jahren stieg der Schreinermeister auf mehrmalige Bitte der CVP hin in die Politik ein. So kandidierte er 1991 fürs Kantonsparlament und wurde auf Anhieb gewählt.

Klartext in der Jagdhütte

1999 präsidierte Lustenberger das Kantonsparlament, und im gleichen Jahr gelang ihm der Sprung in den Nationalrat. Bei den Wahlen 2011 erzielte er hinter dem inzwischen verstorbenen Politschwergewicht Otto Ineichen (FDP) das zweitbeste Resultat im Kanton Luzern.

An den Wochenenden erholt sich Lustenberger bei der Jagd in den Wäldern im Entlebucher Bramboden. Die meisten seiner Jagdkameraden sind Bergbauern und Berufsleute. Sie geben mir abends in der Jagdhütte zu verstehen, was in Bern gut oder schief läuft. Und das mit deutlichen Worten.

(sda/tke)