Syrien hat nach Oppositionsangaben erstmals gemeinsam mit Russland eine grosse Offensive gegen Aufständische eingeleitet. Die Angriffe schienen sich nicht gegen die Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) zu richten, teilte die Syrische Beobachterstelle für Menschenrechte am Mittwoch mit. Es tobten heftige Kämpfe im Westen des Landes. Anzeichen für den Einsatz russischer Bodentruppen gebe es nicht. Russland hat nach US-Angaben innerhalb kurzer Zeit Hunderte Soldaten, modernste Kampfpanzer und weiteres Kriegsgerät in Syrien zusammengezogen. Frankreichs Präsident Francois Hollande warnte vor einer Entwicklung der religiösen Konflikte im arabischen Raum zu einem «totalen Krieg», der am Ende auch Europa erfassen könnte.

Die russisch-syrische Offensive richtete sich der Beobachterstelle zufolge gegen Rebellenstellungen nahe der wichtigen Nord-Süd-Achse im Westen des Landes. Grosse Teile der Region werden von den Truppen von Präsident Baschar al-Assad gehalten, der von Russland unterstützt wird. Bislang gebe es keine Hinweise, dass die regierungstreuen Kräfte vorgerückt seien, sagte der Chef der Beobachterstelle, Rami Abdulrahman.

«Ziemlich beeindruckend»

Russland hat nach den Worten des Nato-Botschafters der USA, Douglas Lute, Truppen in Bataillonstärke - etwa 1000 Soldaten - sowie Artillerie, Jets, Kampfhubschrauber, Raketen und Luftabwehr-Anlagen in seine Stützpunkte Tartus und Latakia transportiert. «Für einen schnellen Aufmarsch innerhalb etwa einer Woche ist die Streitmacht, die sie da unten im Einsatz haben, eigentlich ziemlich beeindruckend», sagte Lute. Im Osten des Mittelmeers ziehe Russland zudem einen «beachtlichen und wachsenden» Marineverband zusammen.

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Seit Beginn seiner Angriffe vor einer Woche wird Russland vorgeworfen, gegen alle Gegner Assads im Bürgerkrieg vorzugehen. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu erklärte, nur zwei von 57 Angriffen seien gegen den IS gerichtet gewesen. Die übrigen hätten Einrichtungen der gemässigteren Rebellen getroffen. «Im Moment ist die gemässigte syrische Opposition fast die einzige Macht im Norden, die sich dem Islamischen Staat entgegenstellt», sagte er. Sollte sie geschwächt werden, könnte das einen neuen Flüchtlingsstrom auslösen.

26 Raketen aus dem Meer abgefeuert

Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu sagte bei einem Treffen mit Präsident Wladimir Putin, von vier russischen Kriegsschiffen im Kaspischen Meer seien 26 Raketen auf IS-Ziele abgefeuert worden.

Seit Monaten bombardiert bereits eine US-geführte Allianz IS-Stellungen in Syrien und dem Irak. Damit greifen zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg amerikanische und russische Einheiten gleichzeitig Ziele in einem Land an. Zwischen beiden Staaten herrscht ein scharfer Tonfall: US-Verteidigungsminister Ash Carter sprach von einer «tragisch verfehlten Strategie» der Regierung in Moskau und lehnte eine militärische Zusammenarbeit ab. Ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums erklärte daraufhin, die USA suchten nach einer Ausrede, um sich nicht am Kampf gegen den Terrorismus zu beteiligen.

Grosse Angst vor einem Fehler

Der französische Präsident Hollande mahnte im Europäischen Parlament, in Syrien müsse mit allen Partnern unter Einbeziehung Russlands und des Irans über eine alternative Lösung zum IS und zum Assad-Regime beraten werden. «Wir dürfen nicht glauben, dass es für uns keine Folgen hätte, wenn wir zuliessen, dass die jüngsten religiösen Konflikte zwischen Schiiten und Sunniten schlimmer werden», sagte Hollande.

Die Bundesregierung warnte vor einer direkten militärischen Konfrontation der Grossmächte. «Das, was wir in Syrien erleben, ist wirklich brandgefährlich», sagte Aussenamtssprecher Martin Schäfer. «Ein kleiner Unfall, eine kleine Panne, eine Fehlentscheidung eines kleinen Soldaten, und wir haben eine Situation, die eine völlig andere ist.»

(reuters/gku)