Nachdem der russische Milliardär Wladimir Jewtuschenkow wegen des Verdachts auf Geldwäsche unter Hausarrest gestellt wurde, hat sich am Mittwoch Michail Chodorkowski zu Wort gemeldet. Gegenüber der russischen Tageszeitung «Wedomosti» vermutet der ehemalige Oligarch eher wirtschaftliche als politische Motive hinter dem Strafverfahren.

Jewtuschenkow werde bestraft, weil er nicht an den staatsnahen Ölkonzern Rosneft habe verkaufen wollen, sagt Chodorkowski. «Wladimir Jewtuschenkow war stur und weigerte sich auf die Übernahmeangebote einzugehen. Deshalb haben sie auf ihr erprobtes Mittel zurückgegriffen. So einfach ist dies.»

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Kein Kremlkritiker

Es gebe aber auch Unterschiede zwischen den beiden Fällen. Anders als er selbst, sei Jewtuschenkow kein Kremlkritiker, so Chodorkowski. «Er sollte deshalb alles versuchen, um eine Einigung zu erreichen.» Werde er seine Firma nicht zu den verlangten Konditionen verkaufen, könne die Sache «übel ausgehen».

Michail Chodorkowski weiss wovon er spricht. Der ehemalige Multimilliardär war im Dezember 2013 nach mehr als zehn Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden. Bei der Zerschlagung seines Ölkonzerns Jukos hatte sich Rosneft wichtige Sparten des Unternehmens gesichert.

«Kein Eigentum ist mehr sicher»

Andrei Borodin hat als ehemaliger Chef der Bank of Moscow ebenfalls Erfahrung mit der russischen Justiz gemacht. Nach der unfreundlichen Übernahme seines Instituts durch die staatlich kontrollierte VTB im Jahr 2011 geriet Borodin ins Visier der Behörden. Der Ex-Banker lebt heute in London.

Auf seiner Website sieht Borodin sowohl politische als auch wirtschaftliche Gründe für das Verfahren gegen Jewtuschenkow. Der Fall sei typisch für das heutige Russland. «Kein Eigentum ist heute noch sicher, da nützen auch beste Beziehungen zur Staatsführung nichts.» Mit Wladimir Jewtuschenkow habe es dieses mal einen «Grossmeister der Intrige» getroffen.

Zeigen, «wer Chef im Lande ist»

Für Borodin ist klar, dass der Hausarrest für Jewtuschenkow Ausdruck eines Machtkampfes an der russischen Staatsspitze ist. Der Oligarch habe in der Vergangenheit auf Dmitri Medwedew gesetzt. Nur dank dem persönlichen Engagement des damaligen Präsidenten (2008 bis 2012) habe sich Jewtuschenkows Sistema den Ölkonzern Bashneft sichern können. «Nun aber wollen Putins Leute zeigen, wer wirklich der Chef im Land ist.»

Zum Verhängnis könnte Jewtuschenkow auch die nahe Zusammenarbeit mit dem Moskauer Bürgermeister Sergei Sobjanin geworden sein, glaubt Borodin. Ähnlich wie Medwedew gilt auch Sobjanin als potenzieller Nachfolger von Putin. Dem Bürgermeister würden in den Medien immer wieder Ambitionen auf die Präsidentschaft nachgesagt und so könne die Aktion auch als «Signal an Sobjanin» verstanden werden, sich nicht zu weit vorzuwagen.

Weitere Kapitalflucht droht

Das Verfahren gegen Jewtuschenkow bedeutet für Russland weit mehr, als eine Abrechnung mit einem weiteren Oligarchen: Selbst Teile der russischen Regierung fürchten wirtschaftliche Folgen. «Es ist offensichtlich, dass der Verdacht, dass wirtschaftliche Motive dahinter stecken, den Investoren Entscheidungen erschwert», sagte Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew der Agentur Reuters.

Eine weitere Beeinträchtigung des Geschäftsklimas wäre eine Katastrophe für Russlands Konjunktur, die bereits schwer unter westlichen Sanktionen zu leiden hat. Alleine im ersten Halbjahr 2014 flossen nach Berechnungen von Bloomberg rund 75 Milliarden Dollar aus dem Land ab. Und auch der russische Rubel muss Woche für Woche neue Tiefschläge einstecken.