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Vorwahlen
Sanders und Clinton vor dem letzten TV-Duell

Clinton und Sanders: Strammstehen für die Landeshymne. Keystone

Das letzte TV-Duell der Demokraten findet in New York statt. Hillary Clinton und Bernie Sanders kämpfen an einem hippen Schauplatz um die Millionenmetropole. Ihre Anhänger machen im Vorfeld Dampf.

Veröffentlicht am 15.04.2016

In dieser Partie spielt Blau gegen Blau, Demokraten gegen Demokraten. Die TV-Debatte zwischen Hillary Clinton und Bernie Sanders vor den New Yorker Vorwahlen spaltet Brooklyn. Vor Ort kann man verfolgen, wie Anhänger derselben Partei sich Stück für Stück zerfleischen.

Das Geplänkel beginnt schon draussen am Eingang. «I believe that she will win! I believe that she will win!» Dutzende Unterstützter Hillary Clintons haben sich an der Einfahrt zum Navy Yard postiert, wippen dunkelblaue Schilder in die Luft und versichern einander, dass ihre Favoritin die Wahlen in den USA gewinnen wird. Auf der anderen Strassenseite stehen Bernie Sanders' Anhänger und wirken irgendwie vergrätzt. Ein bisschen neidisch gucken sie auf das Clinton-Lager, die meisten schweigen.

Debatte an Szene-Ort

Das letzte TV-Duell der Demokraten findet an hipper, alternativer wirkender Stelle statt: Die Lagerhalle des Duggal Greenhouse liegt zwischen Fischgrosshändler und Trockendock, unweit der Bühne schwappt der East River unter der Manhattan Bridge vor der weltberühmten Skyline.

Modehäuser wie Moncler und Dior, der Bierbrauer Heineken und die General Motors-Nobelmarke Cadillac haben die frühere Schiffswerft längst als ausgefallenen Event-Standort für sich entdeckt.

Die grobe, graue Industriekulisse ist der krasse Gegenentwurf zum «Venetian», dem opulent geschmückten Hotel am Strip von Las Vegas, in dem die Republikaner sich im Dezember um die Wette geredet hatten. Dort der rotsamten-golden schimmernde Nachbau eines venezianischen Theaters, hier Lastenkräne, Stahlträger, Brackwasser.

Der Stadtteil Williamsburg liegt nicht weit, wo stilbewusste Besserverdiener sich in krampfhafter Coolness überbieten, wo Hipstertum verschrien ist und ihm doch so viele nacheifern, wo scheinbar arm irgendwie sexy ist.

Werte der Grossstadt

Es ist ein besonderes Aufeinandertreffen des Senators aus Vermont und der ehemaligen Aussenministerin hier in Brooklyn, wo Sanders aufgewachsen ist und von wo aus Clinton ihre Wahlkampfmaschine steuert. Zweimal wählte New York sie zur Senatorin.

«Alle Augen auf Brooklyn», titelt die «New York Times» in ihrem Newsletter zum Lokalteil. Beide Kandidaten wollen nicht nur die Millionenmetrople New York, sondern den ganzen Bundesstaat New York auf ihre Seite ziehen. Und beide beanspruchen für sich, die linksliberalen Werte dieser Grossstadt zu vertreten.

Republikaner trifft man hier kaum. Dafür umso mehr Demokraten, die ihre Meinung in den Abendhimmel posaunen: «Bernie», schreit eine Frau auf einem Fahrrad, als sie ein paar Hillary-Schilder entdeckt. «Ihr seid in der falschen Facebook-Gruppe», sagt eine andere in Richtung einiger Clinton-Anhängern durch ein Megafon aus ihrem Autofenster.

Sie sitzt in einem hellblauen Minivan, aus dem das Wort «Bernie» mit Leuchtdioden nach draussen scheint. Nicht weit von ihnen hängen schwarze Plakate an einer Wand, in Spanisch steht auf ihnen geschrieben: «Donald, Du bist ein Vollidiot.» Gemeint ist: Trump.

Wie bei einem Fussballmatch

Die Plakate hätten von Martin Misiak sein können. Er sagt: «Ich glaube wirklich, dass Trump ein Idiot ist.» Der Chemielehrer sitzt neben seiner Freundin im «Banter», einer Kneipe in Williamsburg, in der die CNN-Debatte übertragen wird.

Eben zeigten die Leinwände noch Motorrad-Cross und Poker, jetzt geht hier nach fast jedem Statement von Sanders und Clinton ein Jubel durch die Menge. Eng gedrängt stehen die Menschen bis zum Eingang, die Angestellten hinter der Theke sind hoffnungslos überfordert. Der 40-jährige Misiak hat noch nie gewählt, jetzt will er an die Urne: Sanders hat ihn mitgerissen.

«Ich liebe es, in Brooklyn zu sein», sagt Clinton - Applaus im «Banter». Ein wenig fühlt es sich an wie beim Fussballspiel in einer Kneipe: Klatschen bei einem kritischen Angriff, zynische Kommentare und Rufe von der Gegenseite, wenn dieser misslingt oder gekontert wird.

«Yes», brüllen Einzelne, wenn ein Argument so richtig sitzt. Wall Street, Steuern, Klimaschutz, Marihuana: Die Menschen hier kennen die Themen, kennen die Antworten. «Ich verfolge Politik seit Jahrzehnten», sagt Peter Fogarty, der lieber einen Joe Biden oder eine Elizabeth Warren im Endspurt der Demokraten gesehen hätte.

«Alle sind einfach nur gemein»

Die meisten der nach und nach biergetränkten Kneipenbesucher hat der schroffe Senator aus Vermont in der Tasche. «Mir ist es echt egal, was er sagt. Ich liebe es einfach, wenn er spricht», schwärmt ein junger Mann am Tresen.

Seiner Sitznachbarin ist die ehemalige First Lady wie so vielen Sanders-Fans nicht geheuer: «Das ist genau, warum ich ihr nicht vertraue», sagt sie, als Clinton sich in der Debatte erneut weigert, Redetexte ihrer Vorträge für die Bank Goldman Sachs offenzulegen. Bis zu 200'000 Dollar Honorar bekam sie für diese Reden.

Zwischen einigen scheint das Gruppengucken in Hass umzuschlagen. «Du bist Republikanerin, hau ab! Buh», ruft jemand Clinton entgegen. Nicht weit von ihm sitzen zwei Clinton-Fans.

«Ich habe noch nie so viel Grobheit gesehen. Alle sind einfach nur gemein», sagt ein Frau, die nur hergekommen ist, weil sie zu Hause kein Kabelfernsehen hat. Ein Sanders-Fan habe ihr sogar verboten, in «seiner» Eckkneipe schlecht über den sozialistischen Senator zu sprechen.

«Du bist George W. Bush», ruft der eingefleischte Sanders-Mann, als Clinton ihr abschliessendes Statement gibt. Die Kneipenbesucherin ist enttäuscht von ihren Nachbarn. Ausgerechnet in Brooklyn, wo die Menschen doch als so freundlich gälten. Clinton und Sanders seien beides Demokraten, beide «für Amerika», wie sie sagt. Und: Beide «für dieselbe Partei.»

(sda/chb)

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